Planet Spackeria

March 01, 2015

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Die Impfgegner und die Krise der Institutionen

Vier Jahre ist das jetzt her, dass Gunter Dueck auf der re:publica 2011 seinen viel gefeierten Talk “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” hielt. Höhepunkt seines Vortrags (“So jetzt kommt das schwere Geschütz”) war die Frage:

“Glauben Sie nicht, dass wenn jemand eine Krankheit hat, dass er dann nach 2 Stunden surfen 10 mal mehr weiß, als sein Arzt?”

Ich aber saß in meinem Sitz und ich konnte mich der schlichten wie unaufdringlichen Logik dieser Frage nicht entziehen. Wir kennen das alle: 10 Ärzt/innen 12 Diagnosen. Jeder kennt Fälle, in dem eine Patient/in tatsächlich die Diagnose richtiger einschätzte als der/die Arzt/in. Und hier nun stand Gunter Dueck und gab eine einfache Erklärung. Das Internet enthält doch bereits alles Wissen. Wer genügend Motivation mitbringt, (und die fehlt Betroffenen selten), kann sich (zumindest in vielen Fällen) selbst besser diagnostizieren, als ein Allgemeinarzt, der im Zweifelsfall vor vielen Jahren mal irgendwo eine Vorlesung zum Thema wieder vergessen hat.

Ich sehe Duecks Argument heute nicht widerlegt, aber es wird immer offenbarer, dass es mehr braucht, als nur Internet und Motivation. Etwas, was Dueck und auch ich damals implizit vorausgesetzt gesetzt haben: das Vorhandensein von kritischem Denken, eine gewisse wissenschaftsmethodische Bildung. Damit meine ich die Fähigkeit, kritisch mit Quellen umzugehen und auch seinem eigenen Urteil zu mißtrauen (das ist – nebenbei – der Hauptunterschied zu den Verschwörungstheoretikern: ihr kritisches Denken zieht alles in Zweifel außer dem eigenen Urteil).

Was nämlich passiert, wenn unter sonst gleichen Bedingungen das kritische Denken fehlt, kann man derzeit in Berlin und schon länger in den USA beobachten. Impfgegner machen mit Verschwörungstheorien, Selbstdiagnosen und anekdotischer Evidenz gegen das Impfen mobil. Längst ausgestorben gedachte Krankheiten brechen wieder aus, in Berlin gibt es jetzt den ersten Masern-Todesfall.
(Nachtrag: Anne Roth macht mich per Facebook gerade darauf aufmerksam, dass es Impfgegner natürlich bereits viel länger gibt und wirft richtig ein, dass mir jegliche Evidenz fehlt, dass das Thema in letzter Zeit größer geworden ist. Das ist richtig. Dieser Text basiert auf meiner subjektiven Beobachtung und stellt implizit die These auf, dass Impfgegnerschaft durch das Netz zugenommen hat.)

Das Internet hat sich während meiner Beschäftigung damit wahnsinnig verändert. Die Hauptveränderung ist aber mit Sicherheit seine Skalierung. Waren wir von 2007 bis 2011 noch eine sehr kleine, spezielle Gruppe von Menschen, die das Internet publizistisch nutzten und auf den re:publicas als zukünftigen und utopischen Raum des Denkens feierten, hat sich das Internet inzwischen als Medium der Massen durchgesetzt. Die Durchdringung einzelner Seiten wie z.B. Facebook hat längst alle Zeitungen und Fernsehsender zusammengenommen überflügelt. Letzteren wird immer weniger Vertrauen geschenkt, man findet sich zusammen um gemeinsam am Mainstream zu zweifeln. Wir bekommen das nicht so mit, weil unsere Queryöffentlichkeiten uns von dem meisten abschirmen – und deren Queryöffentlichkeiten schirmen sie von uns ab. Ich habe das letztens bereits anhand von Pegida beschrieben:

“Doch die Resonanzräume ermöglichen sowohl Vernetzung als auch Abschottung. Hermetische Weltbilder, die Evidenz durch zirkuläres zitieren und den ausschließlich negativen Bezug auf die mediale Außenwelt bezieht: “Sie wollen uns als Verschwörungstheoretiker verunglimpfen, also muss es wahr sein!” Wissen ist nichts anderes als ein hinreichend dichtes Netz aus Informationen, schreibe ich in meinem Buch. Unter guten Vernetzungsvoraussetzung kann also alles zum Wissen werden – zur Wahrheit – zumindest aus einer bestimmten Query heraus gesehen.”

Der Vertrauensverlust gilt nicht nur gegenüber den Massenmedien und den “Politikern da oben”, sondern eben auch gegenüber den Ärzt/innen. Wie das, was Gunter Dueck damals beschrieb, heute in der Realität aussieht, kann man aktuell studieren, wenn man Stephan von Schockfaktor in die Facebookgruppen der Impfgegner folgt. Minutiös beschreibt er die Diskussionen, die er dort führte und mit welchen “Argumenten” er konfrontiert wurde. (Ich werde im Folgenden ein wenig daraus zitieren.)

Politik, Medien, Gesundheitssystem. Alle haben sich verschworen gegen die kleinen Leute. Was wir erleben nenne ich in meinem Buch “die Krise der Institutionen” und widme ihr ein Kapitel. Durch die Selbstorganisationsmächtigkeit der neuen Medien verlieren die zentralistisch und hierarchisch organisierten Institutionen an Macht:

“Institutionen verlieren an Macht, da sie besser kontrolliert werden können, Konkurrenz bekommen und an Vertrauen verlieren. Wir dagegen gewinnen an Macht. Wenn wir einander über die Query suchen und finden, brauchen wir keine externen Instanzen mehr, die Komplexität reduzieren und Transaktionskosten gering halten.”

Gehen wir die genannten drei angesprochenen Angriffsvektoren Kontrolliert werden, Konkurrenz bekommen und an Vertrauen verlieren mal anhand der Impfdebatte durch:

Durch die allgemeine Zugänglichkeit von Informationen, lassen sich Ärzt/innen besser kontrollieren. Man muss ihrer Diagnosen nicht mehr blind vertrauen. Mit ein wenig Googlerecherche und Wikipediagewühle lassen sich meistens Diagnosen und Ratschläge verifizieren – oder auch nicht. Vielleicht findet man überzeugende Argumente und Belege seinem Arzt/Ärztin das Vertrauen zu entziehen. Oder man findet Ci Ci, die sagt: “Weil Fakt ist: Impfungen sind Gesundheitsschädlich. Ich kenne in meinem Umfeld mind. 3 Kinder mit impfschaden!

Das heißt, implizit, dass die Ärzte Konkurrenz bekommen. Nicht im kommerziellen Sinne, sondern, dass ihr Urteil Konkurrenz bekommt. Mal von einer informierten Betroffenen, die die Wikipedia leergelesen, sich durch Bücher gewühlt und die neusten Paper zur Krankheit in Fachmagazinen gelesen hat, oder das andere Mal durch Marion K, die sagt:

“Mal zu den Büchern und Wikipedia. Egal was ihr lesen werdet. In den wenigsten Fällen IST es die Wahrheit. Wer liest, liest das was der Staat will das ihr es lest. Das nicht impfen lernt man nicht in einem Buch. Das sollte ein Urinstinkt sein. Und bei den meisten ist das auch so. Und überzeugen könnt ihr eh kein. Entweder man ist bereit den Weg zu gehen oder nicht.”

So oder so, der Arzt als Institution erleidet durch die Queryöffentlichkeit der Menschen einen Vertrauensverlust. Sei es, dass die informierte Betroffene mit Grund das Urteil ihrer Ärzt/in anzweifelt und lieber eine andere Spezialist/in aufsucht. Oder eben wie Corinna H., die statt anderer Spezialist/innen sich in der erwähnten Facebookgruppe rückversichert als ihr Arzt riet, ihr Kind gegen Tetanus zu impfen, als es sich beim Spielen mit vielen Splittern übersäht hatte. “Ich habe abgelehnt – aber dennoch hat er mich verunsichert.

Funktional betrachtet ist das alles dasselbe. “Mißtraut Autoritäten!” ist eine richtige Forderung, die aber gefährlich ist, weil sie von Privilegienblindheit geschlagen ist. Sie funktioniert nur für Menschen die gar nicht wissen, dass sie mehr wissen als die meisten – und deswegen vielleicht tatsächlich keine Autoritäten brauchen. Andere verlieren durch den Machtverlust der Autoritäten die Orientierung und und suchen sich einfach Neue, die sehr viel fragwürdiger sind, als die offiziellen. Die blühenden Verschwörungstheorien, die Männerrechtler, die Impfgegner und Pegida und co sind (auch) Phänomene dieser Krise der Institutionen.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin immer noch ein großer Fan des Internets und seiner immanenten Eigenschaft, Gatekeeper zu entmachten und die regulative Rolle der Institutionen abzubauen. Aber wir sollten uns klar darüber sein, dass manche Wände, die wir gerade einreißen, tragend waren. Wir müssen damit rechnen, dass durch den Machtverlust der Institutionen erst einmal eine Menge Unordnung freigesetzt wird und bestimmte Errungenschaften zurück in einen chaotischen Zustand entgleiten, der längst überwunden geglaubt war. Das gilt nicht nur für Uber und AirBnB, sondern auch für die Diskurse ansich. Das Internet ist für die einen das perfekte Tool der Aufklärung, für die anderen der perfekte Ort, sich ungestört in einem faktenbefreiten Diskurs über die eigenen Glaubenssätze zurückzuziehen. Und es gibt niemanden mehr, der sie dafür sanktionieren könnte.

Ich will das alles aber auch nicht allzu zu schwarz malen. Es werden sich jenseits der kriselnden Institutionen neue Kontrollmechanismen entwickeln (müssen). Mein derzeitiger best Guess sind derzeit die Plattformen. Sie entwickeln sich immer weiter in Richtung Nutzer- und Diskurskontrolle. Auch das kann man ebenso gefährlich finden, wie notwendig. Vielleicht wird es aber auch ganz andere Mechanismen geben. Die Frage ist nur – und die stellt sich angesichts solcher Phänomene wie der Impfgegner immer drängender – wird das Kontrolldefizit durch den Kontrollverlust zwischenzeitlich in einer allgemeinen Katastrophe ausarten, oder werden neue Kontrollmechanismen früh genug greifen und das Schlimmste verhindern?

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February 15, 2015

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Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft unter digitalen Bedingungen

Diesen Tweet kann man lustig finden. Ich finde ihn lustig. Und gleichzeitig meine ich ihn ernst.


Ich glaube tatsächlich, dass marktwirtschaftliche und planwirtschaftliche Organisationsformen in einem Wettbewerb stehen und ich glaube tatsächlich, dass sich das eine und/oder andere am Markt durchsetzt. Vor allem heute, in unser sich durch die Digitalisierung wandelnden Zeit.

Um das zu verstehen muss man ersteinmal ein paar Begriffe klarkriegen, die oft durcheinandergeworfen werden.

1. Marktwirtschaft und Kapitalismus sind nicht dasselbe. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist zwar zu einem großen Teil marktwirtschaftlich organisiert, aber weder ist die Marktwirtschaft ein notwendiges, noch ein hinreichendes Kriterium des Kapitalismus. Kapitalismus ist – wie ich ihn verstehe – vor allem das Prinzip, dass mittels Kapitalbesitz die gesellschaftliche Wertschöpfung strukturiert wird. Ob der Kapitalist die dafür eingesetzten Ressourcen an einem Markt aquirieren muss ist dabei erstmal egal. Umgekehrt kann es durchaus Wettbewerb und Marktmechanismen komplett ohne Eigentumsrecht geben.

2. Marktwirtschaft und Planwirtschaft sind keine streng antagonistischen Prinzipien, die sich ausschließen. Es wird wohl niemand irgendwo eine reine Planwirtschaft und es wird niemand irgendwo eine reine Marktwirtschaft nachweisen können. Beides sind einfach Prinzipien der Ressourcenallokation, die unterschiedliche Vor- und Nachteile haben und die überall zu finden sind. Wir haben beim Begriff “Planwirtschaft” immer die großen staatsgetriebenen Planwirtschaften der Ostblockstaaten vor Augen und glauben deswegen, dass Planwirtschaft einfach eine ineffiziente Variante des Wirtschaftens ist. Das war sie in diesen Systemen ohne Frage (wir kommen noch dazu), aber auch die Marktwirtschaft hat enorme Effizienzprobleme. Marktwirtschaftliche Konkurrenz setzt beispielsweise voraus, dass unglaublich viel Infrastruktur mehrfach vorhanden sein muss und gleichzeitig, dass Skaleneffekte (also die Kostenreduktion bei Herstellung vieler Güter) nicht voll ausgeschöpft werden kann.

3. Und das wichtigste: Die Planwirtschaft hat einen enormen Stellenwert innerhalb unseres derzeitigen Kapitalismus. Ronald Coase hat bereits in den 30er Jahren darauf hingewiesen, dass wir bei all unserem Schwärmen für den Markt völlig übersehen, dass jedes Unternehmen intern eine Planwirtschaft ist. Unternehmen sind Organisationen, die sich durch Institutionalisierung, Verstetigung und hierarchische Organisation und Planung dem Markt entziehen. Unternehmen stellen zum Beispiel Menschen für eine längere Zeit ein, weil es für sie zu aufwändig wäre, jeden Tag neu Leute auf dem Arbeitsmarkt zu rekrutieren. Unternehmen machen kurzfristige, mittelfristige und langfristige Pläne, die sie dann hierarchisch organisiert durchsetzten. Mit anderen Worten, Planwirtschaften sind dem Kapitalismus nicht nur nicht Fremd, sie haben sogar sich bereits am Markt durchgesetzt, als dominante, interne Organisationsform seiner Teilnehmer.

Nachdem wir diese Punkte geklärt haben, kommen wir nun zum spannenden Teil: Wie verändert sich nun das Verhältnis von Marktwirtschaft und Planwirtschaft im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung?

Es gab bereits in den 70er Jahren die Bestrebung, anhand von computergestützter Organisation eine fortgeschrittene Variante der Planwirtschaft zu installieren: CyberSin. Die Sozialistische Regierung Allendes hat in Chile zusammen mit dem Informatiker Stafford Beer an einer kybernetischen Planwirtschaft gearbeitet. Wie effizient dieser Versuch war, lässt sich leider nicht genau bemessen, denn das Experiment fand bekanntlich sein Ende im Putsch von Pinochet. Nichtsdestotrotz gibt es – gerade in kommunistischen Kreisen die Hoffnung – mit heutiger Technologie einen solchen kybernetischen Kommunismus durchführen zu können. Die Frage der Effizienz von Ressourcenallocationsmechanismen entscheidet sich nämlich tatsächlich am Informationsfluss. Die staatlichen Planwirtschaften von Einst mussten enormen Planungshorizonten entsprechen. Fünf- oder gar Zehnjahrespläne bestimmten die Produktion von Gütern. Wer weiß schon, wer was in fünf oder zehn Jahren braucht? Hinzu kam, dass die Komplexität dieser Planungsprozesse jede Bürokratie überforderte, weswegen es immer wieder zu Fehlallokationen kam. Dagegen stelle man sich mit Internet of Things ausgestattete Smarthomes in Smartcitys vor, die an einer künstlichen Zentralintelligenz mit der Rechenpower mehrerer Rechenzentren angeschlossen sind, welche alle Informationen in Echtzeit zusammenbringt und prozessiert. Planungshorizonte würden so selten einen Tag überschreiten und meist unter einer Sekunde bleiben. Eine Echtzeitplanwirtschaft würde doch eine ungeahnte Effizienz schaffen. Wer braucht da noch den Markt?

Ich halte das durchaus für ein wahrscheinliches Szenario. Aber ich glaube nicht, dass es den Kommunist/innen gefallen wird. Die kybernetische Planwirtschaft kommt, aber diese Infrastruktur wird keine staatliche, oder gar Volkseigene sein, sondern höchst wahrscheinlich die eines Unternehmens. Und wie wir gelernt haben, widerspricht sich das ja keinesfalls, denn Unternehmen sind ja planwirtschaftliche Entitäten.

Noch haben wir einen Markt – auch im IoT – aber die nächsten Jahre werden wir sehen, wie sich verschiedene Unternehmen um den Platz als Zentralsteuerung unserer Welt balgen werden. Apple und Google sind dabei an den vordersten Plätzen aufgestellt, aber es kann in dieser frühen Phase immer noch Überraschungen geben (dafür ist die Marktwirtschaft immer gut: Überraschungen, Disruptionen etc.). Am Ende wird sich – wie das bei aller grundlegenden Infrastruktur üblich ist – EIN System durchsetzen. Und der Betreiber dieses Systems wird dann die kybernetische Echtzeit-Planwirtschaft bereitstellen, in der wir dann alle leben werden. (Fußnote: grundsätzlich ist es technisch denkbar, dass sich auch ein Set standardisierter Schnittstellen und Spezifikationen durchsetzt, welches die Plattform von IoT bildet, auf dem dann smarte Geräte miteinander reden (und konkurrieren), aber das halte ich derzeit für unwahrscheinlich, da gerade viel Ressourcen in Forschung und Entwicklung gesteckt werden, die die Unternehmen dann durch ihr geschlossenes Ökosystem wieder herauswirtschaften wollen.)

Und dann haben wir die Marktwirtschaft (nicht aber den Kapitalismus) überwunden, oder?

Nicht so schnell! In meinem Buch beschreibe ich ebenfalls, dass viele planwirtschaftliche Ressourcenallokationsprozesse zu marktwirtschaftlichen übergehen. Der Grund für die planwirtschaftliche Organisation von Unternehmen sieht Ronald Coase in den Transaktionskosten, die ein Markt so verursacht. Ressourcen am Markt zu organisieren verlangt viel Mühe: Ich muss mit anderen Marktteilnehmern verhandeln, Informationen einholen, Risiken eingehen, dass mich andere übers Ohr hauen wollen, etc. Durch die Digitalisierung reduzieren sich diese Transaktionskosten, denn die meisten Transaktionskosten entstehen durch Informationseinholung und -Verarbeitung und das nehmen uns die Computer ja immer besser ab. Deswegen werden Dinge zu marktfähigen Gütern, die vorher nicht effizient am Markt organisierbar waren. Das Resultat nennen wir heute Sharing Economy – oder Plattformkapitalismus: ein Stündchen Arbeitszeit hier, eine Nacht in einem privaten WG-Zimmer dort, eine Fahrt zum Flughafen von einem X-beliebigen Autofahrer. All diese Dinge waren vor ein paar Jahren dem Markt unzugänglich, weil der Aufwand sie zu tauschen zu groß war. Manche sprechen deswegen auch von der Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche.

Wir haben also durch die Digitalisierung sowohl einen Trend, der hin zur planwirtschaftlichen Organisation geht und wir haben einen Trend der hin zur verstärkten marktwirtschaftlichen Organisation geht. Und beides schließt sich nicht aus, nein, es bedingt sich sogar. Denn beide treffen sich in der neuen Form der Institution: der Plattform.

Plattformen sind meist durch ein Unternehmen bereitgestellte, also planwirtschaftlich organisierte Infrastrukturen, auf denen sich Inseln marktwirtschaftlicher Organisation bilden können. Sie sind damit die Invertierung unseres tradierten Systems: einer Martktwirtschaft mit planwirtschaftlichen Inseln (Unternehmen).

Die Zukunft ist lustig, oder?

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February 07, 2015

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Die Struktur geheimen Wissens und sein Staat

Gerade spielen sich in der Politik Szenen ab, die sehr gut Aufschluss darüber geben, wie die eigentliche machtpolitische Konstellation zwischen Geheimdiensten und den sie bezahlenden Staaten aufgebaut ist.

Auslöser ist der NSA-Untersuchungsausschluss des deutschen Bundestages. Es war schon oft bemängelt worden, dass vertrauliche Informationen und Dokumente im Zuge der Untersuchung ans Tageslicht kamen. Nun aber macht einer der wichtigsten Partner des BND Ärger. Der britische GCHQ droht mit der Kündigung der Zusammenarbeit und nun wird befürchtet, dass der BND dem Untersuchungsausschuß aus diesem Grund Akten vorenthalten könnte.

Wir sehen also einen BND, der zwischen seiner operativen Verpflichtung des Staates gegenüber, dessen Behörde er immer noch ist und der Loyalität zu seinen britischen Partnern hin und her gerissen ist. Wir sehen, dass eine Behörde ihre politische Aufsicht in Frage stellt. Und das ist doch … ganz interessant.

Nun ist es keine Neuigkeit, dass das Konzept Geheimdienst strukturell der Funktionsweise eines demokratischen Staates widerspricht und dass institutionelle Kontrollversuche deswegen immer wieder scheitern. Die Notwendigkeit der Geheimhaltung zur Gewährleistung der Arbeit von Geheimdiensten ist die Sollbruchstelle seiner demokratischen Einbeziehbarkeit. Aber das ist nicht der einzige Grund. Die letzten Jahre wirkten weitere, externe Kräfte auf die besagte Konstellation und entfalteten eine enorme Sogwirkung auf die Geheimdienste, was die Sollbruchstelle zusätzlich strapazierte.

In meinem Buch identifiziere ich die vier wesentlichen Akteure des Neuen Spiels: Staaten, Geheimdienste, Plattformen und die Zivilgesellschaft. Ganz richtig, ich liste Staaten und Geheimdienste als voneinander unabhängige Akteure auf und zu den Geheimdiensten schreibe ich:

“Fast schon unabhängig von der schwindenden Bedeutung des Staates ist die Bedeutung der Geheimdienste. Oberflächlich betrachtet, scheinen sie von ihren jeweiligen Staaten abhängig zu sein, in Wirklichkeit jedoch haben sie sich als internationales Geflecht weitgehend autarke, selbstbezogene Strukturen geschaffen, die so leicht nicht mehr loszuwerden sind. Sie sind zur internationalen Plattform des geheimen Wissens geworden und werden im Neuen Spiel eine wichtige, wahrscheinlich unangenehme Rolle spielen.”

Die Struktur der “internationalen Plattform geheimen Wissens” ist der eigentliche Grund, weswegen die Loyalitäten für den BND nicht mehr klar entscheidbar sind. Und das hat damit zu tun, dass Wissen Netzwerkeffekte ausbildet. Ein großes Wissen macht es immer attraktiv, weiteres Wissen anzuschließen. Je größer das Wissen, desto größer der Sog. Und dieser Sog betrifft auch die Geheimdienste:

“Das Wissen der Geheimdienste bildet massive Netzwerkeffekte aus, und das ist einer der strukturellen Gründe für unsere heutige Situation. In seinem Paper „Privacy versus government surveillance: where network effects meet public choice“(PDF) vertritt der britische Sicherheitsforscher Ross Anderson die These, dass die Netzwerkeffekte der NSA-Datensammlung derart groß sind, dass sich die Geheimdienste anderer Länder dem Sog gar nicht entziehen können. Angefangen hat es mit dem Five-Eyes-Abkommen zwischen Kanada, Großbritannien, Australien, USA und Neuseeland. Da es für Auslandsgeheimdienste in den meisten Demokratien verboten ist, ihre eigene Bevölkerung auszuspähen, haben sich die Dienste zu einer Art Ringtausch zusammengeschlossen: „Ihr überwacht unsere Bevölkerung und wir eure.“ Die Daten tauschen die Dienste dann bei Bedarf.
Wir wissen seit Snowden, dass solche Verbindungen weit über die Five Eyes hinausreichen. Der deutsche BND, der französische DGSE, die Geheimdienste der Türkei, Indiens, Schwedens und einer unbekannten Anzahl weiterer Partner tauschen in großem Umfang Daten mit der NSA. Die Erkenntnis drängt sich auf: Auch Geheimdienste sind eine Plattform. Die alles verknüpfende Querytechnologie xKeyScore verbindet sie schließlich zum alles sehenden Orakel – ein Orakel, bei dem wieder gilt: Die Kleinen profitieren von den Großen deutlich mehr als umgekehrt. Ein Geheimdienst, der nicht mit der NSA Daten tauscht, ist nach heutigen Maßstäben schlicht blind. Das erklärt auch, warum ein Dienst wie der BND bereit ist, alles zu tun, um wertvolle Daten für die NSA bereitzustellen.
[…]
Die NSA ist das Schwarze Loch im Zentrum der Geheimdienstgalaxie. Ihre Datengravitation zieht die Daten aller anderen Geheimdienste an, und kein Geheimdienst kann sich dem widersetzen. Sie haben im Grunde dasselbe Problem wie wir. Der BND ist von der NSA und ihrem Zugang zu XKeyscore ebenso abhängig wie wir von Facebook.”

Die Bundesregierung ist in einem Zwiespalt. Natürlich will sie einen Geheimdienst, der ihr treu ergeben ist. Aber sie will auch einen effektiven Geheimdienst. Ein Geheimdienst, der nicht mit NSA und GCHQ zusammenarbeitet, ist aber um viele Faktoren weniger effektiv. Also lässt man ihn mit den anderen Kindern spielen, verzichtet auf allzu harsche Kontrollen und hofft, dass das schon gutgehen wird.

Am Ende bleibt zwar ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zwischen Staaten und Geheimdiensten (der Staat stellt die Mittel bereit, die Geheimdienste versorgen ihn mit Information), aber das ist nicht mehr das einer Behörde zu seinem Dienstherrn. Vielmehr entwickelt es sich zu einem Austausch auf Augenhöhe, bei dem jeder der Akteure eigene Interessen hat und die auch egoistisch verfolgt. Mit anderen Worten, das Verhältnis der Dienste zu den Staaten wird zum Markt. Geheimwissen als Dienstleistung.

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January 25, 2015

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Die neuen Cryptowars und die Plattformdämmerung

Derzeit scheinen wir gerade wieder in einen neuen Cryptowar hineinzuschlittern. Als Cryptowar wurde der Versuch der Regierungen, insbesondere der US-Regierung in den 90er Jahren bezeichnet, wirksame PublicKey-Verschlüsselungs-Software an ihrer Verbreitung zu hindern. Hacker und Aktivisten gingen damals so weit, auf Papier ausgedruckten und aus den USA importierten Quellcode händisch abzutippen. Die Regierung musste damals, vor allem auch aufgrund des Drucks aus der Wirtschaft, einlenken.

Heute scheint es einen erneuten Vorstoß zu geben. Erst kam der britische Premier Cameron aus der Deckung, dann Obama und nun hat auch unser Innenminister de Maizière erste Andeutungen gemacht. Die Behörden sollen im Notfall auf jede Kommunikation zugreifen können. Die Gunst der Stunde nach den Anschlägen in Paris muss schließlich genutzt werden.

Lässt man die Propaganda (und zwar von beiden Seiten …) mal beiseite und richtet lieber einen zweiten Blick auf das Timing und vor allem den Wortlaut der Formulierungen, kommt man nicht umhin, von den drei riesigen Elefanten Notiz zu nehmen, die da übergroß im Raum stehen. Ihre Namen sind iMessage, Hangout und WhatsApp und die Politiker geben sich auch nur wenig Mühe diese Adressaten zu verschleiern.

Egal, was unsere snobistische Hackerauskenner erzählen (“das kann ich nicht ernst nehmen, das ist nicht Open Source und ich habe da keine Kontrolle über die Schlüssel)”, ist es die teils angekündigte, teils schon umgesetzte Umrüstung durch Google, Apple und Facebook auf Ende-zu-Ende-verschlüsselter Kommunikation ihrer Messanger, die den Sicherheitsbehörden, Geheimdiensten und Innenpolitikern den Angstschweiß auf die Stirn zaubert. Denn während unsere braven Hacker mit ihren Cryptoparties die letzten zwei Jahre vielleicht ein paar tausend Leute zum partiellen Gebrauch von PGP angeleitet haben, gehen für die Geheimdienste durch den Move der Kommunikationsgiganten auf einen Schlag über eine Milliarde Lichter aus. Weit über eine fucking Milliarde! Gleichzeitig wird durch die Marktmacht der drei Riesen ein neuer Industriestandard geschaffen. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wird zu einem Mandatory-Häkchen auf den Werbetafeln aller Messangeranbieter, wie heute “HD” bei Fernsehgeräten. Wird die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in den Diensten wie angekündigt sauber implementiert – und es gibt keine Anzeichen, warum das nicht der Fall sein sollte – dann ist das der größte und wirksamste Schlag gegen die Massenüberwachung, der heute überhaupt technisch vorstellbar ist.

(Jajaja, jetzt höre ich sie schimpfen! Den Konzernen könne man doch eh nicht trauen, die haben doch bestimmt Backdoors und schlechte Zufallszahlen implementiert! Durch die intransparente Keyverwaltung können die Dienste Man-in-the-Middle-Attacken durchführen, etc. Das mag sein, doch selbst im verschwörungstheoretischen Worstcase gehen bei der Massenüberwachung die Lichter aus. Man-in-the-middle ist ein aufwändiger, gezielter Angriff und selbst wenn Geheimdienste Wege haben, die Crypto durch manipulierten Zufall schneller zu knacken, wird ihnen angesichts der schieren Masse an verschlüsselter Kommunikation (mehr als eine Milliarde Accounts!) die Rechenpower ausgehen.)

Das hier könnte ein Gamechanger sein, die einzige wirklich positive und signifikant wirksame Antwort auf und seit den Enthüllungen von Edward Snowden. Und es ist nicht alles.

Der Clash der Systeme

Ich sehe hier auch eine entscheidende Schlacht eines viel größeren Machtkampfes, den ich in meinem Buch beschreibe: Den Niedergang des Einflussbereichs der Staaten und der wachsenden Relevanz von Plattformen.

Im Buch stelle ich fest, dass sowohl immer mehr Lebensbereiche über Plattformen geregelt werden (von Retail bis Sharing Economy) und gleichzeitig Plattformen durch ihre Netzwerkeffekte zu internationalen Machtzentren heranwachsen (Facebook, Google, etc.). Schon heute kollidieren die Plattformen auf vielen Ebenen mit den Regulierungsanspruch der Nationalstaaten. Doch diese Konfrontationen sind nur unwichtige Scharmützel gegenüber den wirklich treibenden Kräften dieser Entwicklung: die Emergenz und das rasante Wachstum von neuen Formen menschlicher Interaktion, für die sich die Nationalstaaten logischer Weise gar nicht zuständig sehen. Die Anwendung von AGBs, die Absicherung von Transaktionen durch Prozesse, Regularien und eigenen Institutionen, die impliziten Vorgaben des Code ist Law, aber auch die Bekämpfung von Spam, Trollen, nicht justiziablen Formen von Betrug und Hatespeach – oder die zunehmende Durchsetzung von inklusionistischen Konzepten. Wie wir einkaufen, wie wir Auto fahren, wie wir reisen und wohnen, wie wir uns Unterhalten lassen, wie wir kommunizieren, was erlaubt ist und was nicht wird zunehmend nicht mehr auf der staatlichen, sondern auf der Plattformebene bestimmt.

Natürlich ist es reine PR, wenn Cameron, Obama und de Maizière auf die terroristische Bedrohung verweisen, um Verschlüsselung zu regulieren. Terroristen und organisierte Kriminelle konnten schon immer auf die volle Bandbreite der Cryptotools zugreifen und können das auch weiter.

Der Move der großen Drei ist eher ein Gamechanger in die oben skizzierte Richtung. Eine Milliarde von ende-zu-ende-verschlüsselter Kommunikationen entreißt den Nationalstaaten einen enormen Brocken an Rechtsdurchsetzungsmacht. Nicht gegenüber den Terroristen, sondern gegenüber dem täglichen Every-Day-Enforcement des staatlichen Gewaltmonopols im Internet.

Es geht um die Kids auf dem Schulhof, die Serien und Songs per WhatsApp tauschen. Es geht um Kleinkriminelle, die sich zum Autoklauen koordinieren – und ja, um Aktivist/innen die Aktionen und Demos organisieren. Es geht um den Drogendealer von nebenan und den Versicherungsbetrug des Nachbarn. Es geht um versteckte Transaktionen, Korruption und die kleine Verschwörung, denen gegenüber nun ein Rechtsdurchsetzungsdefizit klafft. Das alles scheint noch recht unwichtig und hinnehmbar. Aber in der Masse summiert es sich auf einen riesigen Batzen auf, der die Strafverfolgungsbehörden nun panisch zurücklässt.

Vor ein paar Jahren schrieb ich in meiner SPEX-Reportage über das Darknet:

“Doch die Technologien des Darknet, so unvollkommen sie sein mögen, stehen wie ein Versprechen im Möglichkeitsraum der digitalen Zukunft. Oder – je nachdem wie man es sehen will – als eine Drohung. Es gibt immer einen Weg, es wird immer einen Weg geben. Der mögliche Kontrollverlust, den ein starkes Darknet bedeuten würde, wird den politischen Diskus über das Internet disziplinieren. Das jedenfalls ist meine Hoffnung.”

Die Drohung ist wahr geworden. Das Darknet in einer Light-Version – so kann man die vollverschlüsselte Kommunikation der Plattformanbieter nennen – wird jetzt als Reaktion gegenüber dem überboardenden Kontrollanspruch der Staaten Mainstream. Es wird schicker und benutzerfreundlicher als die Tor-Hidden-Services (dafür ohne Anonymität) und es wird betrieben von großen, kapitalistischen Konzernen. Der Effekt wird dennoch enorm.

Und ist das jetzt … gut?

Aber ob das jetzt eine gute Idee ist, wird für mich immer fraglicher: Tante hat seine Bedenken artikuliert aber vor allem hat David Golumbia bereits 2013 gedanklich durchgespielt, was eine vollverschlüsselte Kommunikationswelt bedeuten würde:

Full encryption would make hiding it standard, and make law enforcement something between difficult and impossible. The basis on which that happens is the assertion by cyberlibertarians that they are not subject to the laws that constitute our society. We should be having a thick and robust discussion about these problems, not just presuming that it is fine to opt out of citizenship obligations if you have the technical means to do so.

Und damit sind wir bereits in dem Dilemma, in das ich beim Buchschreiben gekommen bin und das dem gesamten zweiten Teil eine zauderhafte Unentschlossenheit bescherte. Ich bin mir zwar sicher, dass die Transition hin zu den Plattformen in den derzeitigen Gegebenheiten unvermeidbar, gewissermaßen auch sinnvoll ist. (Wir brauchen internationale Strukturen, die nicht-rivalisierend und agiler sind – weniger Ordnung vorgeben, als vielmehr Ordnung ermöglichen, etc.) Aber ich bin nicht so sicher, ob das nicht auch eine enorm gefährliche Entwicklung ist und wie man damit – als Zivilgesellschaft – am besten umgeht.

Am besten wird man der Komplexität dieser Frage gerecht, wenn man mit verschiedenen politischen Brillen auf diese Entwicklung blickt:

1. Blick: Etaisten plädieren gewöhnlich für eine Rückgewinnung des Zepters an den Staat. Für sie ist die Machtverschiebung durch das Internet nur eine vorübergehende Episode, der es entgegenzuwirken gilt. Konservative bemühen dafür meist die Floskel des “rechtsfreien Raumes”, der das Internet sei, Sozialdemokraten sprechen vom “Primat der Politik”, das zurückzuerobern sei. Dafür gibt es unterschiedliche Strategien: Manche wollen Plattformanbieter Schwächen, indem sie sie per Kartellrecht zerschlagen, oder ihren Einfluss durch staatliche Regulierung sonstwie einschränken. Andere gehen weiter, sprechen sich für eine renationalisierung des Netzes aus: Wenn wir internationale Plattformen nicht regulieren können, dann brauchen wir eben Abschottung und nationale Anbieter ähnlicher Dienste. Heimliches Vorbild ChinaNet. Andere wiederum sehen in den Plattformen sogar die Chance, das Recht über sie durchsetzen zu lassen, sie quasi als private Hilfssherrifs zu rekrutieren und nehmen damit in kauf, dass sie durch die sich daraus ergebenden Jurisdiktionskonflikte das Konzept Nationalstaat noch weiter schwächen. Alle diese Konzepte werden heute schon ansatzweise verfolgt und umgesetzt. Ich sehe in keiner von ihnen eine Zukunft. Manche dieser Strategien werden die Entwicklungen etwas verlangsamen, andere werden den Machtverlust der Nationalstaaten sogar beschleunigen, manche, wie Ideen der renationalisierung des Netzes halte ich für extrem gefährlich, gerade für die Zivilgesellschaft.

2. Blick: (Techno-)Libertäre Kräfte stimmen mir in der Diagnose, dass die Nationalstaaten sich aus der Internetregulierung bitte raushalten sollen, größtenteils überein. Sie sehen aber genau so ein großes Problem in den Konzentrationsprozessen durch die Plattformen. Sie würden auch ihnen gerne so weit wie möglich jede Regulierungsmacht entziehen. Politische Prozesse aufzubauen, Plattformlobbying zu betreibe, wie ich es in meinem Buch vorschlage, fänden sie höchst suspekt. Sie würden vermutlich auf dezentrale Social Networks setzen, die sich mit einem Höchstmaß an Ende-zu-Ende-verschlüsselten, anonymen Verbindungen jeglicher externer Kontrollgewalt entziehen.

Ich habe – wie auch in meinem Buch deutlich wird – eher den 2. Blick, allerdings mit einem Schuß mehr Realismus. Ich halte unreglementierte Kommunikationsräume zwar erstmal grundsätzlich eine gute Idee. Auch mein Konzept der Plattformneutralität ist in diesem Sinne ein techno-libertäres Konzept, das zwar einerseits dem Plattformparadigma statt gibt, dann aber eben Herrschaftsfreiheit als anzustrebende Benchmark und politischen Wert verankert. Wenn ich mein Buch zwei Jahre früher geschrieben hätte, wäre es sicher ein sehr viel reinerer, technolibertärer Wurf geworden.

Ich sehe die Dinge aber heute deutlich anders. Verändert hat diese Sicht nicht die Enthüllungen von Edward Snowden – im Gegenteil – die haben meine techno-libertäre Grundstimmung eher erneut befeuert. Nein, verändert hat sie das Internet selbst und seine Akteure – die Zivilgesellschaft. Ich sah über lange Zeit, wie rechtsradikale Blogs sprießen und immer größere Erfolge einstrichen. Ich habe den Aufstieg der maskulinistischen Szene mitverfolgt – und ihren Hass selbst miterlebt. Ich habe gesehen, wie Menschen für Meinungen gemobbt, fertiggemacht und erfolgreich zum Schweigen gebracht wurden. Einige Freude und Freundinnen von mir wurden Opfer von Stalkern und einige wurden Opfer von Hetz- und Verleumdnungskampagnen. Ich habe Mord- und Vergewaltigungsaufrufe gegen Freundinnen gelesen und miterlebt, wie Facebook eines der wichtigsten Organisationstools für die Pegida-Bewegung wurde. Ich sah die Aktionen von Anonymous und GamerGate und ich surfte an den Waffenhändlern, Auftragsmördern und Kinderpornographen im Darknet vorbei. Ich habe erlebt, wie die totale Freiheit von Kommunikationsräumen das schlimmste im Menschen hervorbringt und so andere ausschließt.

3. Blick: Ich glaube an jetzt die Notwendigkeit von zumindest irgendeiner Form von Regierung. Zumindest vorübergehend. Oder wie Golumbia es ausdrückt: “In order to have a relatively free society, we cannot have absolutely free individuals.” Ich glaube immer noch nicht daran, dass es eine gute Idee ist, den Staat – die Staaten – in vollem Maße zu beauftragen. Ich glaube aber auch, dass es ein Problem ist, die Plattformanbieter mit dieser Macht auszustatten. Aber ich weiß, dass auf kurz oder lang kein Weg daran vorbei führt.

1. Ich denke, der Staat/die Staaten sollten ihre bisherigen Befugnisse weiterverfolgen und justitiables – sofern es ihnen möglich ist – inländisch und mithilfe ihrer gegebenen Tools verfolgen. Wenn das nicht möglich ist, dann müssen wir diese Rechtslücke eben so hinnehmen.
2. Ich glaube, dass Plattformanbieter mehr Verantwortung übernehmen sollten, mehr eingreifen, mehr moderieren, bestimmte Entwicklungen hemmen, bestimmte andere fördern sollen. Plattformen müssen in gewisser Weise ihre Neutralität aufgeben und Haltung zeigen und ihr entsprechend handeln und Policies aufstellen und durchsetzen.
3. Ich weiß aber gleichzeitig, dass die mit der Verantwortung einhergehende Macht ein beträchtlicher Risikofaktor ist. Wir sollten nicht bedenkenlos Kompetenzen zu den Plattformen schieben, sondern uns immer im Klaren darüber sein, dass wir hier einem Regime stattgeben. Dafür braucht es wiederum Plattformeigene Institutionen für Partizipation und Kontrollmöglichkeiten.
4. Ich gehe sehr fest davon aus, dass wir langfristig dezentrale Politiken und Formen zivilgesellschaftlicher Gewaltausübungen finden können und müssen, um uns von zentralistischen Plattformen zu emanzipieren. Wir können den Einfluss zentraler Plattformen langfristig nur genau in dem Maße zurückdrängen, wie wir es schaffen ein dezentrales Regime lebenswerter Verhältnisse zu schaffen. Ohne das, wird jede libertäre Utopie zum Alptraum der Schwächeren. Wichtig dabei könnte die Filtersouveränität werden, wie ich sie im Buch und im letzten Blogspost beschreibe.

Fazit

Ich denke, der Vorstoß der Konzerne könnte ein Weg sein, den wir jetzt beschreiten müssen. Wir würden damit die Geheimdienste aussperren, aber vor allem auch die Strafverfolgungsbehörden. Die Plattformanbieter würden sich ein großes Stück von den Staaten emanzipieren und und gleichzeitig würden auch wir uns jeglichem Kontrollanspruch entziehen (Wenn auch um den Preis, dass wir unsere Abhängigkeit zu den Plattformen steigern). Das größte Problem sehe ich tatsächlich im Machtvakuum, das in diesem Darknet light dann entsteht und inwieweit es für den/die Einzelne auch zum Alptraum werden kann. Ich denke dennoch, dass wir das versuchen müssen.

Es kann natürlich auch ganz anders kommen und die Konzerne knicken vor den Regierungen ein, oder ein amerikanisches/deutsches/europäisches Gesetzt wird verabschiedet, dass Schlüsselweitergabe vorschreibt, Key Escrow wird bei allen Plattformanbietern implementiert und wir setzen die Behörden mit jeder verschlüsselten Kommunikation CC. Am Wahrscheinlichsten wird sein, dass sich hier ein netzpolitisches Schlachtfeld ergeben wird, in dem sich Zivilgesellschaft und allem auch die Konzerne zu unvorhersehbarer Mobilisierungskraft gegen den Staat zusammenschließen könnten. Die nächsten Wochen werden sehr interessant. Es gibt einige spannende Fragen:

  • Wie erfolgreich schaffen es die Regierungen angesichts des Vertrauensverlusts durch Snowden, die rechtstaatliche Besonnenheit der geplanten Abhörpraxis glaubhaft zu machen?
  • Wie weit werden die Konzerne auf Konfrontationskurs mit den Regierungen in dieser Frage gehen? Werden sie gleich einknicken oder kämpfen?
  • Werden die Plattformen ihre Publizitätsmacht einsetzen, um ihre Nutzer/innen für die Verschlüsselung zu mobilisieren?
  • Auf welche Seite schlagen sich die klassischen Medien in dieser Frage. Snowdenhype und Informant/innen-Schutz vs. Rechtsstaatsmacht und Anti-Google-Einstellung?
  • Wie werden die Kund/innen reagieren? Ist ihnen dieses Cryptozeug egal, oder finden sie es wichtig? Wenn sie es erst haben, lassen sie es sich wieder wegnehmen?
  • Wie werden die Hacker und Netzaktivist/innen reagieren, wenn sie merken, dass die Politik gar nicht ihr PGP verbieten, sondern “nur” Mainstreamcrypto verhindert will? Werden die ihren Stolz überwinden und für WhatsApp-Verschlüsselung kämpfen, obwohl das nicht Open Source ist und sie Facebook für böse halten?

So oder so: Die Transition schreitet voran und Machtgleichgewichte werden zwangsläufig aus den Fugen geraten. Halb beängstigt, halb hoffnungsvoll schau ich dem Geschehen zu. Das Einzige, was ich derzeit tun kann, ist die Naivität von allen Seiten zu bekämpfen.

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January 10, 2015

ctrl+verlust

Filtersouveränität als Politik

Im zweiten Teil meines Buches, in dem ich die Strategien in Zeiten des Kontrollverlusts entwickle, geht es häufig um die sogenannte “Filtersouveränität“. Also die Souveränität zu entscheiden, über welchen Mix von Quellen ich mich informiere aber auch wie ich mich vor unliebsamen Informationen abschotte.

Leider hat in dem Buch eine Strategie der Filtersouveränität keinen Platz gefunden: Die Filtersouveränität als Politik. Das will ich hier – auch aus aktuellem Anlass – nachholen. Der Einfachheit halber nehme ich meine eigene Politik der Filtersouveränität zum Beispiel.

Twitter ist seit 2007 die Schaltzentrale meines gesamten Onlinewirkens. Hier investiere ich nach wie vor die meiste Aufmerksamkeit, hier laufen die meisten Informationsstränge zusammen und hier gebe ich auch die meisten Informationen weiter, die mich bewegen. Auch wenn ich hier und da damit hadere, bleibt Twitter meine Onlineheimat – nein, noch viel mehr: es ist die Erweiterung meines somatischen Nervensystems ins Internet hinein. Jedes Following ist ein Rezeptor, der mir neuronartig Impulse aus dem Informationsstrom sendet, den wir Welt nennen. Jeder dieser Rezeptoren ist einzigartig und reagiert auf verschiedene Informationssarten auf unterschiedliche Weise.

Wie ich folge

Wenn ich jemandem folge, bedeutet das erstmal nur, dass ich mich dafür interessiere, was die Person zu sagen hat. Es bedeutet nicht, dass ich ihrer Meinung bin oder sie gar mag. Natürlich folge ich Freunden (denn mich interessiert, was sie zu sagen haben), dennoch ist Sympathie weder ein hinreichendes, noch ein notwendiges Kriterium. Natürlich hat die Auswahl meiner (aktuell) 775 Followings starke Biases, denn sie spiegeln meine Interessen wieder. Dennoch kann ich sagen, dass sie eine recht großes Spektrum abbilden. Ich folge vielen Leuten, deren Meinungen ich explizit nicht teile. Ich folge zum Beispiel sehr, sehr vielen Datenschützern und Hacker-Aluhüten. Denn das ist der Diskurs, in dem ich stecke und sie haben oft sehr gute Links zu Informationssicherheit und Gesetzesvorhaben und ich interessiere mich für ihre Argumente. Ich folge auch Konservativen bis – aus meiner Sicht – reaktionären Leuten. Ich folge Kai Diekmann. Ich folge zu einem größeren Teil natürlich Linken, bis Linksradikalen. Natürlich folge ich Feminist/innen, Anarchist/innen, sowie Libertären und Kommunisten/innen. Ein, zwei Piraten sind auch noch dabei. Einen neokonservativen Ayn Rand-Fan musste ich wieder entfolgen, das war nicht auszuhalten. Dazu kommen natürlich einige ausländische Twitteraccounts, die meisten aus der amerikanischen Tech-Szene, aber auch Aktivist/innen aus Syrien und Ägypten sind dabei.

Das ist keine komplette Aufschlüsselung der Welt und der möglichen Sichten dadrauf (das kann ein Bewusstsein auch nicht leisten), aber ich finde es ist eine veritable Bandbreite des Meinungsspektrums. Es ist darauf optimiert mittels möglichst unterschiedlicher Rezeptoren, möglichst diverse Sichtweisen und Perspektiven zu einem komplexen Bild der Welt zu aggregieren.

Wie ich blocke

In meinem Buch nenne ich dieses bewusste Aussuchen der eigenen Informationsquellen “positive Filtersouveränität”. Ihr stelle ich die “negative Filtersouveränität” zu Seite – die Souveränität zu entscheiden, welche Informationen ich nicht an mich heranlassen will. Das sind natürlich zunächstmal die vielen Millionen Twitteraccounts, denen ich nicht folge. Aber im Sinne einer souveränen Entscheidung sind es vor allem die Accounts, die ich blocke.

Auf Twitter ist man leicht jederzeit ansprechbar. Das ist in vielen Fällen toll, senkt die Hürden der Kommunikation und fördert den Austausch; es kann aber ab einer bestimmten Reichweite sehr anstrengend werden. Ich habe regelmäßig auch mit Leuten zu tun, deren Kommunikation mich nicht interessiert, die aber finden, das müsste sie. In einigen Fällen blocke ich die User dann. Das passiert meist bei der ganz normalen Trollerei, kann aber auch – je nach Laune – schon bei unfreundlich vorgetragenen Anliegen passieren.

Es passiert auch sehr häufig bei Ideologien, die ich entschieden ablehne, weil ich sie für menschenverachtend halte. Ich Blocke Leute, die mir mit rassistischen, nationalistischen, oder maskulinistischen oder Homosexuell-feindlichen Argumentationen kommen. Ich rede nicht mit Nazis und ich rede nicht mit Maskus – die Blocke ich wortlos weg, denn ich sehe keinen Sinn darin mit ihnen über irgendwas zu diskutieren. Weder interessiert es mich, was sie zu sagen haben, noch glaube ich daran, dass man diese Leute aus ihrem Muster mittels rationaler Argumentation herauslösen kann. Das einzige, was man tun kann, ist diese Menschen auszugrenzen, so gut es eben geht – auch wenn das immer schwieriger wird.

Man kann also festhalten: Beides, das Folgen und das Blocken sind in der Praxis bereits Politiken der Filtersouveränität. Jedes Folgen und jedes Blocken ist auch ein politisches Statement und es ist wichtig, sich das bewusst zu machen. Sie sind (kleine) politische Entscheidungen und sie haben (kleine) politische Auswirkungen. Sie summieren sich auf in eine persönliche und durch und durch politisch durchwirkte Informationsinfrastruktur.

Ethik des (Nicht-)Teilens

Leitmedium hat in einem bemerkenswerten Blogpost einmal die Ethik des (nicht)Teilens vorgeschlagen, die – wie ich finde – sehr mit der Filtersouveränität als Politik kompatibel ist. Er findet, es liegt eine unterschätzte ethische Verantwortung darin, welche Inhalte man teilt, also weiterverbreitet und welche nicht. Dass beispielsweise die Nacktfotos von den Prominenten 2014 erhackt wurden ist ohne Frage ein Verbrechen. Diese Fotos aber weiterzuverbreiten, weil sie einem in den Stream rutschen, ist ebenfalls moralisch zu verurteilender Akt, dem sich viele nicht bewusst sind.

Denn hier wird die persönliche Informationsinfrastruktur politisch in einem übergeordneten Sinne. Um sich das zu vergegenwärtigen ist es wichtig, sich seine eigene Stellung als Knoten in einem Netzwerk vorzustellen. Denn meine Twitterverfolgungen sind nicht nur die ins Internet erweiterten Rezeptoren meines somatischen Nervensystems, sondern ich bin ja – umgekehrt – ebenso der Rezeptor vieler tausend anderer Nervensysteme. Und als dieser Rezeptor stehe ich jedes mal vor einer ethischen Entscheidung eine Information weiterzugeben, oder es eben nicht zu tun. Diese Verantwortung ist immanent politisch; und gerade mit dem Blick auf das große Ganze – das Netzwerk – steckt in ihr die Möglichkeit einer weiteren Politik.

Die Politik der aktiven Ausgrenzung

“Don’t feed the trolls” ist der übliche Ausspruch, den man zum Umgang mit Störkommunikation zu hören bekommt. Er ist uralt und er ist nach wie vor auch nicht komplett falsch. Man macht die Sache nie besser, wenn man anfängt mit Trollen zu diskutieren. Aber “Don’t feed the trolls” reicht schon lange nicht mehr aus. Einerseits hilft einfaches Ignorieren in vielen Fällen nicht mehr aus, andererseits können beispielsweise Hetzjagden und Verleumdungskampagnen dem/der Betroffenen auch über Bande enormen Schaden zufügen.

Und hier sind wir bei “Don Alphonso”. Don Alphonso kann man nicht ignorieren, denn er verbreitet regelmäßig Lügen, Verleumdungen gegen bestimmte Personen und veranstaltet regelrechte Hetzjagden auf Linke und Feministinnen. Ich hab das mal an einem Fall exemplarisch herausgearbeitet.

Don Alphonso ist ein schlechter Mensch. Die Welt und das Netz wären ein besserer Ort ohne ihn. Solche Leute zu ignorieren, nicht mit ihnen zu sprechen, ist sicher sinnvoll. Aber es hält sie nicht davon ab, das zu tun, was sie tun. Nun ist Don Alphonso aber nun mal da und wir müssen mit der Situation umgehen. Es müsste eine Möglichkeit geben, seine Wirkung im Netz zu reduzieren.

Und zu diesem Zweck habe ich mir das Konzept der “aktiven Ausgrenzung” ausgedacht. Sie fußt einerseits auf Leitmediums Ethik des Nichtteilens und kombiniert sie mit der Filtersouveränität. Es ist eigentlich eine einfache Policy: Ich entfolge allen, die Don Alphonsos Inhalte teilen, seien es Retweets, Links auf seine Texte, alles. Don Alphonso-Content wird von mir zum Tabu erklärt, auch dann, wenn er mal etwas zustimmungsfähiges schreibt. Dieses Tabu muss hin und wieder natürlich öffentlich proklamiert werden und das Entfolgen muss vor allem auch konsequent durchgesetzt werden.

Und nein, das ist keine Einschränkung der Meinungsfreiheit: Es heißt nicht, dass man Don Alphsono nicht lesen darf. Man darf ihm auch zustimmen. Aber wer seine Inhalte öffentlich teilt, ist eben – bei mir – raus. Zudem beschränke ich das aktive Ausgrenzen auf nur wenige, extreme Quellen. Ich halte auch die BILD und Fefes Blog für dumm und arschlochhaftig. Leute, die diese Medien konsumieren und Teilen kann ich schwerlich ernst nehmen und denke mir meinen Teil. Aber sie fallen nicht unter meine Policy. Die Policy gilt für Don Alphonso, den Faschos von der Zusecrew bei den Piraten und dann noch für NPD, AFD, PeGiDa, Pro Deutschland und alle anderen Rechtspopulistischen bis nationalsozialistischen Verbände und Parteien. (Aber bei denen ist das sowieso klar und weitestgehend Konsens.)

Ich praktiziere diese Policy jetzt seit etwa einem Jahr und sie durchzusetzen ist oft hart, man verliert dadurch einige liebgewonnene Followings. Aber sie ist auch effektiv. Nicht nur, dass viele diese Policy ebenfalls für sich reklamieren und umsetzen, die Wirkung ist insgesamt spürbar. In meiner Timeline waren Don Alphoso-Links lange Zeit praktisch verschwunden. Ich kann nicht sagen, ob sich das bei Don Alphonso auch zahlenmäßig bemerkbar macht (ich würde es mir wünschen), aber darum geht es nicht in erster Linie. Schaut man in seine Replys an, kommen die jetzt schon fast nur noch von Maskus und den Zuse-Faschos. Er wird mittlerweile von fast allen intelligenten Menschen ignoriert. Klar, das hat er sich größtenteils zwar selbst zuzuschreiben, aber ja, das führe ich auch auf die Politik der aktiven Ausgrenzung zurück.

Bis vor kurzem klappte das auch ganz wunderbar, bis – und hier kommt der aktuelle Anlass – gestern eine Diskussion dazu auf Twitter entbrannt ist. Einige meinten leider die Policy aus Prinzip (wahrscheinlich weil: Meinunsfreiheit!!11) herausfordern zu müssen. Das ist schade. Ich wünsche mir einen breiten Konsens – egal ob Post-Privatier/in, Datenschützer/in, Hacker/in, Netzaktivist/in, Netzgegner/in, Journalist/in, Blogger/in oder Bildzeitungsleser/in, dass wir – genau so wenig, wie wir die NPD verlinken würden – nicht Don Alphonso verlinken. Und zwar egal was er schreibt. Oder wie ich es gestern auf Twitter ausgedrückt habe:

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December 19, 2014

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#PeGiDa und der Kontrollverlust

Als sich überall auf der Welt die Hashtagrevolutionen und -Proteste häuften und die Welt – vernetzt durch die neuen Medien – immer mehr in Aufruhr geriet, fragte ich mich, wann es wohl in Deutschland so weit sein würde und wie das dann aussieht. Dass es so hässlich werden würde, hätte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen können.

… Nein. Zu dramatisch.

Wenn man die Leute fragt, welches soziale Problem durch das Internet ausgelöst/verschärft oder sonstwie befördert wird, würden viele bis heute sagen: Datenschutz/der Verlust der Privatsphäre. Insbesondere in der Netzszene ist immer noch die Angst verbreitet, das Individuum würde durch die Überwachunsgmöglichkeiten der digitalen Technologien gegenüber den Institutionen untergebuttert werden. Dabei ist augenscheinlich das Gegenteil der Fall. Das Individuum und die Zivilgesellschaft haben durch die digitale Technologie eine neue, ungeheure Macht bekommen, die sich längst nicht mehr nur positiv auswirkt.

… Nein, viel zu abstrakt.

Heute, an der Schwelle zum Jahr 2015 ist es 10 Jahre her, dass ich das Bloggen für mich mich entdeckte. Erst noch lesend, ab Juni 2005 mit eigenem Blog. Bloggen war für mich immer die wahrgewordene Utopie der Publizistik: Jede/r, immer, alles. Alle Barrieren des Publizierens waren gefallen. Ihr wisst schon: Brechts Radiotheorie und so weiter.

Der erste Blogtext, den ich las, war tatsächlich der Jamba-Kurs von Johnny Haeusler, dessen Entstehung er gerade erst hier beschrieben hat. Und so prägte dieser Text auch nachhaltig mein ganzes Verständnis vom Bloggen. Da ist zunächst einmal das Suchen nach neuen Formen, einer neuen Sprache abseits der ausgetretenen, journalistischen Pfade. Da ist die persönliche Perspektive, die ehrliche und authentische Subjektivität, die nicht vorgibt, objektiv über einen Sachverhalt zu sprechen. Und natürlich ist da die Kritik. Bloggen war – seit ich denken kann – immer auch Kritik. Kritik an Geschäftspraktiken, Kritik an Haltungen, Aussagen und Handlungen. Kritik an der Politik, der Gesellschaft, dem Weltgeschehen und natürlich: an den Medien.

Bloggen war auch immer Medienkritik. Die “Medien”, die großen Brüder und Schwestern der Blogs waren immer … nicht Feindbild, aber Reibungsfläche. Wenn man als Blogger einer Zeitung einen Fehler nachweisen konnte, hatte man seine Existenzberechtigung bereits bewiesen. Blogs sind und waren oft dafür gut unsachliche, dumme, rassistische oder sonstwie zu kritisierende Kommentare in den klassischen Medien pointiert auseinandernehmen. Wir sprachen leicht verächtlich von den “Mainstream-Medien” und wir Blogger waren stolz auf unsere Underdog-Rolle als Gegenöffentlichkeit. Wir glaubten, dass wir die Medien und damit die Welt ein Stück weit besser machen, ein Korrektiv sein zu können. Bildblog war folgerichtig das Vorzeige-Blog, Stefan Niggemeier unser Held.

Das alles ist jetzt nicht von Heute auf Morgen falsch geworden. Aber Utopien skalieren leider nicht. Wenn ich heute die Berichterstattung über die Montagsdemonstrationen sehe, wenn ich die Facebook-Seiten und Blogs von PeGiDa-Anhängern betrachte, ist es, als würde mir meine einstige Utopie um die Ohren geschlagen. Von den “Systemmedien” und “Lügenpresse” ist da die rede, die uns alle verdummen und verarschen. Die sind nämlich alle “gleichgeschaltet” und es wird das Netz abgefeiert, weil sich hier eben eine Gegenöffentlichkeit zur “Volksverdummung” gebildet hat. Ja, sie sind brachialer in der Wortwahl, ja, sie sind undifferenzierter und verwechseln Verschwörungstheorie mit Kritik, aber von der Stoßrichtung her ist es dieselbe Haltung, die wir damals hatten. Sie sind unser hässliches Spiegelbild. Sie sind unsere dystopische Variante.

Jede/r kann heute publizieren. Der Traum ist wahr geworden – auch in der Breite. Und er ermöglicht es, dass heute zu jeder alternativen Wahrheit ein ganzes Ökosystem aus Medien entstehen kann. Jede Meinung und alternative Wahrheit hat nicht nur Platz, sondern sie können sich einen Resonanzraum schaffen, in dem sie sich stabilisieren, entfalten und wachsen können.

Mein Buch basiert auf der These, dass sich das Paradigma der Medien weg von der Ordnung des Senders/Schreibers/Archivars hin zu der Ordnung des Abfragenden verändert. In einer Welt, in der jede/r alles schreiben kann, es aber nur begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen gibt, werden die Filtermechanismen – die Querys – der Empfänger zum entscheidenden ordnungsgebenden Faktor für die Ordnung des Wissens.

Ich hielt das lange Zeit ohne Einschränkung für eine gute Sache. Die Gefahr, die darin lag – vor allem in diesem Land – wollte ich sehen. Ich träumte wahrscheinlich zu sehr den Traum der Aufklärung, von dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments, von Evidenz durch Fakten und Transparenz, etc.

Doch die Resonanzräume ermöglichen sowohl Vernetzung als auch Abschottung. Hermetische Weltbilder, die Evidenz durch zirkuläres zitieren und den ausschließlich negativen Bezug auf die mediale Außenwelt bezieht: “Sie wollen uns als Verschwörungstheoretiker verunglimpfen, also muss es wahr sein!” Wissen ist nichts anderes als ein hinreichend dichtes Netz aus Informationen, schreibe ich in meinem Buch. Unter guten Vernetzungsvoraussetzung kann also alles zum Wissen werden – zur Wahrheit – zumindest aus einer bestimmten Query heraus gesehen.

Das Resultat sehen wir heute: Die Verschwörungstheoretiker äußern ihre Wahrheiten nicht mehr hinter vorgehaltener Hand. Die Ressentiments gegen Fremde (oder die, die als Fremd empfunden werden), werden nicht mehr geflüstert oder verbleiben am Stammtisch. Die Vernetzung mit Gleichdenkenden gibt Kraft, Solidarität und Mut – was für den arabischen Frühling und bei #Aufschrei funktionierte, funktioniert gleichermaßen für #PeGiDa.

Doch während #jan21 Mut machte gegen einen Diktator auf die Straße zu gehen und #Aufschrei ein den Alltagssexismus sichtbar machte, zersetzt #PeGiDa das Tabu der Fremdenfeindlichkeit. Die Rassisten und Verschwörungstheoretiker marschieren heute laut und stolz durch die Straßen. Zu Zehntausenden. Sie fühlen sicher, denn sie wissen, dass sie nicht alleine sind.

Mit dem Unwirksamwerden des Tabus ist ein wichtiger, gesellschaftlicher Regelungsmechanismus verloren gegangen: die Ausgrenzung. Wir können diese Menschen nicht mehr sozial sanktionieren, denn sie sind nicht mehr in Reichweite unseres Diskurses. Unser Schimpfen verhallt im Nichts – es bestätigt aus ihrer Sicht sogar ihre kruden Thesen.

Auch wird kritisiert, dass jetzt einige versuchen die Ausgrenzung auf Follower-/Facebook-Friendship-Ebene dennoch durchzusetzen. Wahrscheinlich ist die Wirksamkeit dieses Unterfangens tatsächlich gering. Doch was sollen wir sonst tun? Mit Nazis zu diskutieren bringt genau so wenig. (Auch diese Vorstellung sitzt der aufklärerischen Naivität auf, dass Rassismus aus einem Mangel an Informationen entsteht und ihm argumentativ beizukommen ist.)

Was tun wir also jetzt? Ich bin ganz ehrlich sehr ratlos. Ich bin mir nur um so sicherer, dass von der Befreiung der Wahrheit von den Fesseln ihrer Gatekeepern sowohl die größte Chance, als auch die größte Gefahr des Kontrollverlusts ausgeht.

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October 11, 2014

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Release!

Wir sind draußen!

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September 29, 2014

ctrl+verlust

Die Struktur des Kontrollverlusts

Das Neue Spiel - BuchcoverEs ist soweit. Am 11. Oktober 2014 wird mein Buch “Das Neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust” erscheinen. Ich hatte hier auf dem Blog noch während der Crowdfundingkampagne die damals geplante Inhaltsangabe gepostet. Schon wenige Wochen später habe ich sie allerdings bereits gekürzt. Das war aber nicht die letzte Änderung. Im Grunde hat sich die Struktur ab da noch zwei bis drei mal geändert. So ist das nun mal, wenn man unerfahren und blauäugig wie ich in den Schreibprozess geht. Hey, es ist mein erstes Buch!

Nun, da das Buch ja im Druck ist, halte ich es für einigermaßen sicher genug, eine aktuelle Version der Inhaltsangabe vorzustellen. Im Grunde musste ich inhaltlich recht wenig Abstriche machen. Alles, was ich sagen wollte, ist drin. Manches vielleicht etwas kürzer als geplant, manches als Unterpunkt von Hauptkapiteln etc. Aber im Großen und Ganzen ist alles wesentliche zum Thema gesagt und die Inhalte aus den vorherigen Inhaltsverzeichnissen finden sich beinahe alle im Buch wieder.

Und wisst ihr was: ich mag die Struktur, wie sie jetzt ist. Sie ist sehr viel klarer und auf den Punkt als geplant und vor allem als ich mir das damals habe vorstellen können.

Geblieben ist die Zweiteilung: Der erste Teil ist eine umfassende Theorie des Kontrollverlusts seiner Ursachen und seiner Wirkung auf die Gesellschaft. Von den technischen Grundlagen, über medientheoretischen Überlegungen, bis hin zu ökonomischen Effekten ist darin alles abgehandelt. Der erste Teil erklärt, was die letzten Jahre passiert ist, wo wir uns befinden und warum wir uns dort befinden. Der Leitfaden ist dabei immer der Kontrollverlust, bzw. seine drei Treiber, die sich als rote Fäden durch alle Kapitel ziehen. Die Kapitel bauen stark aufeinander auf und verknüpfen gleichzeitig sehr unterschiedliche Thematiken miteinander. Das ist anspruchsvoll, aber ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, alles so einsteigerfreundlich und niedrigschwellig wie möglich zu schreiben.

Der zweite Teil sind dann ausschließlich die Regeln des neuen Spiels. 10 Stück sind es geworden. Aber anders als die 10 Thesen vor einem Jahr versuchen die Regeln konkrete Wirkmechanismen zu reflektieren. Genauer: die Wirkmechanismen, die sich durch die Digitalisierung geändert haben und wegen denen wir von einem Neuen Spiel sprechen können. Entlang dieser Regeln versuche ich immer ein paar Strategien abzuleiten, die im Neuen Spiel hilfreich sein könnten, bzw. darauf hinzuweisen, welche Strategien aus dem alten Spiel immer schlechter funktionieren. Die zehn Regeln erklären sich (hoffentlich) erschöpfend aus dem ersten Teil, weswegen ich hier weniger erklärend, sondern eher manifestartig schreibe.

Das Buch schafft es, die vielen verstreuten Überlegungen zum Kontrollverlust, die sich in den vier Jahren dieses Blogs ansammelten in einen (für mich) konsistenten Bogen zu spannen und darüber hinaus einige weiterführende Überlegungen anzuknüpfen. Völlig unabhängig davon, wie kommerziell oder publizistisch “erfolgreich” es schließlich sein wird: das ist alles, was ich wollte. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass es gelungen ist.

Vorwort 7
Zur Entstehung des Buchs 11

Teil I: Der Kontrollverlust

Kapitel 1 | Die drei Treiber des Kontrollverlusts 15
Kapitel 2 | Das Ende der Ordnung 39
Kapitel 3 | Die Krise der Institutionen 71
Kapitel 4 | Aufstieg der Plattformen 99
Kapitel 5 | Infrastruktur und Kontrolle 127
Kapitel 6 | Plattform vs. Staat 139

Teil II: 10 Regeln für das Neue Spiel

Das Neue Spiel hat begonnen 153
0 – Es gilt das Neue 157
1 – Du kannst das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen 162
2 – Die Überwachung ist Teil des Spiels 167
3 – Wissen ist, die richtige Frage zu stellen 179
4 – Organisation und Streit für alle! 187
5 – Du bist die Freiheit des Anderen 198
6 – Macht hat, wer die Plattform kontrolliert 204
7 – Staaten sind Teil des Problems, nicht der Lösung 213
8 – Datenkontrolle schafft Herrschaft 221
9 – Der Endgegner sind wir selbst 231

Literaturverzeichnis 241
Stichwortregister 247
Dank 253

In diesem Sinne:

Kontrollverlust-is-coming-Kopie

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March 27, 2014

Spackeria

Fototagging ist Datenkontrolle

Nach Google+ und Facebook kann man nun auch bei Twitter Personen auf Fotos taggen – also an den Tweet dranhängen, welche @twitterer auf dem Bild zu sehen sind.

Im Gegensatz zu G+ und Facebook kann man aber nicht direkt klicken welches Gesicht zu welchem Mensch gehört. Und natürlich kann man auch die Person Gumbo Fröhn taggen, obwohl da eigentlich Limbo Uffnick zu sehen ist, denn im Grunde ist die Funktion nur eine neue Art, jemanden zu mentionen.

Es findet nämlich keine Gesichtserkennung statt und so spart das eigentlich nur Zeichen, weil man die Abgebildeten nicht mehr separat erwähnen muss – die Tags gehen nicht mehr von den 140 Zeichen ab. Eigentlich muss Twitter nur aufpassen, dass es dabei Blocklisten usw. berücksichtigt, damit man nicht über eine Hintertür belästigt wird.

Ich finde sowas ja toll. Wenn man mich auf Fotos taggen kann und – wichtig! – ich darüber informiert werde, dann weiß ich, wo Bilder mit mir in der Öffentlichkeit rumschwirren. Ich kann mich dann drüber freuen. Oder, wenn jemand damit Mist baut, habe ich dadurch die Möglichkeit, den Rechtsstaat draufzuwerfen.

Das man mich auf Fotos in sozialen Netzwerken taggen und markieren kann gibt mir also ein Stück Kontrolle über meine Daten zurück. Das ist doch super. Noch superer wäre aber, wenn die Anbieter eine solche Funktion automatisieren und mich per Gesichtserkennung über die Veröffentlichung von Bildern mit mir drauf informieren müssten.

Ich hätte gern einen wöchentlichen Digest von G+, Facebook, Twitter und Co. mit “Es wurde hier, dort und da ein Bild veröffentlicht, auf dem vermutlich Du zu sehen bist. Bitte klicke hier, um das Bild zu sehen. Du möchtest auf dem Bild nicht veröffentlicht sein? Bitte klick hier, um das Bild zu melden und Dein Gesicht zu verpixeln”. Naja, oder so in der Art.

Wenn es diese Technik der Gesichtserkennung nun mal gibt müssen wir irgendwie lernen, damit umzugehen und dann wäre es doch besser, mir Möglichkeiten zu geben, dem vermeintlichen Kontrollverlust gegenzusteuern und meine informationelle Selbstbestimmung tatsächlich wahrnehmen zu können.


February 03, 2014

the gay bar

“The cyborg society in the #postprivacy era” Hangout

Yesterday I was invited by the German Cyborgs e.V.i.Gr. society to their weekly hangout session to talk about postprivacy. There is a recording of the discussion on Youtube:

Excuse my lack of shaving and the multitute of ways I butchered the English language.

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January 23, 2014

ctrl+verlust

Das neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust

Seit einem Monat betreibe ich nun das Crowdfundingprojekt zu dem Buch, das ich zu schreiben vorhabe: »Das neue Spiel – nach dem Kontrollverlust«. Es ist jetzt schon das vierterfolgreichste Crowdfunding-Buchprojekt in deutscher Sprache. Und das, obwohl noch gar nicht so klar ist, was genau der Inhalt des Buches sein wird. Das möchte ich nun ändern und hier offenlegen, was ich vor habe. (Ich habe tatsächlich bis jetzt gebraucht das im Detail auszuarbeiten, deswegen kommt das so spät.)
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Hier zunächst die vorläufige Gliederung*:

Einleitung
Teil I. Kontrollverlust

Die drei Treiber des Kontrollverlusts

  • - Was ist der Kontrollverlust?
  • - Es gibt kein analoges Leben im Digitalen
  • - Streisand und ihre Schwestern
  • - Die Krankenakte des Tutenchammun

Das Ende der Ordnung

  • - Aufstieg und Fall des Archivs
  • - Die 3 Grundgesetze des Digitalen
  • - Queryology

Nach der Privatheit

  • - Was ist Post-Privacy?
  • - Diagnose, Utopie, Lebensstil
  • - Informationhiding als Mikropolitik

Die Krise der Institutionen

  • - Die Kontrollrevolution
  • - Das Partizipations-Transparent-Dilemma
  • - Weltkontrollverlust

Aufstieg und Funktion der Plattformen

  • - Vom Netz zu Google vs. Facebook
  • - Eigentum, Sex, Cloud
  • - Die Ökonomie und Ökologie der Plattform
  • - Regulierung und Schließung

Eine Utopie in Trümmern

  • - Hoffnung auf Holzwegen
  • - »Ich hab doch nichts zu verbergen«
  • - Game Over

Teil II. Das Neue Spiel

Neues Spiel, neues Glück

  • - Hashtagrevolution
  • - Die digitale Aufklärung
  • - Neues Spiel, neue Trolle

Umkehrung der Öffentlichkeit

  • - Distributed Reality
  • - Das radikale Recht des Anderen
  • - Filtersouveränität

Überwachung und Privatsphäre

  • - Überwachung und Post-Privacy
  • - Der Kampf gegen die Strafregime
  • - Die Antiquiertheit der Disziplinarregime

Plattformneutralität

  • - Politik in Zeiten des Kontrollverlusts
  • - Dezentrale Social Networks
  • - Das politische Denken der Plattformneutralität

10 Regeln im neuen Spiel

  • - 1. Man kann das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen.
  • - 2. Macht hat, wer die Plattform kontrolliert
  • - 3. Wissen ist, die richtige Frage zu stellen.
  • - …

Was tun als …?

  • - Politik?
  • - Staat?
  • - Gesundheitssystem
  • - Wirtschaft?
  • - politischer Aktivist?
  • - Privatmensch?

Nach dem Kontrollverlust

  • - Geht der Kontrollverlust vorbei?
  • - Digitaler Feudalismus
  • - Ein Tag im Jahr 2025
  • - Gesellschaftliche Singularität

Editional

* * * * * * * * * *

Das Buch gliedert sich als in zwei Hauptteile: Im Ersten geht es darum, den Kontrollverlust und was er mit der Welt macht, zu verstehen. Im zweiten Teil soll es darum gehen, aus diesem Wissen Regeln abzuleiten – das neue Spiel zu verstehen – um es zu spielen.

Teil I

Wir gehen sofort in medias res. In »Die drei Treiber des Kontrollverlusts« wird der Kontrollverlust anhand von Beispielen seiner Wirkung analysiert. Die drei Treiber: 1. die Verdatung der Welt, 2. die Beschleunigung der Datenströme und 3. die steigende Aussagekraft der Daten durch unvorhergesehne Verknüpfungen werden anhand von Beispielen wie dem Aufstieg und Fall von Wikileaks, den Programmen der NSA-Spionage, sowie anhand von Einzelbeispielen deutlich gemacht.
(Siehe dazu meinen SPEX-Artikel und Kontrollverlust)

Noch ist der Kontrollverlust eine These. In »Das Ende der Ordnung« wird daraus eine Theorie. Es wird die Entwicklung der Medientechnologie nachgezeichnet und gezeigt, wie seit Erfindung des Computers nicht mehr die Wirkung der Aufzeichnungsgeräte gesellschaftlich bestimmend ist, sondern wie sich mit dem Aufstieg der Query – der Abfragesysteme, wie moderne Datenbanken bishin zu Big Data – das Medienverhältnis auf dem Kopf stellt. Statt wie bisher die Ordnung des Wissens zu generieren und zu reproduzieren, kann die Query aus vergleichsweise unstrukturiertem Wissen in Echtzeit Ordnungen erschaffen. Ordnung ist somit nichts Statisches mehr, sondern geschieht im Augenblick der Abfrage.
(Siehe David Weinberger: das Ende der Schublade, Queryology)

Eine sehr offensichtliche Folge des Kontrollverlusts ist das Ende der Privatsphäre. Es gibt verschiedene Konzeptionen von Privatsphäre. Die meisten sind – spätestens seit Snowden – kaputt. In »Nach der Privatheit« fasse ich den aktuellen Diskurs zusammen, aber unterteile die Betrachtung in »Post-Privacy als Diagnose«, »als Utopie« und »als tatsächlichen Lebensstil«. Hier interessieren wir uns zunächst für Diagnose. Ich werde die Geschichte der Privatsphäre kurz anreißen und ihre Funktion in der bisherigen Gesellschaft darzustellen versuchen. Meine These: Die derzeitige Disruption der Privatsphäre wird nur deswegen hingenommen, weil auch ihre gesellschaftliche Funktion weitgehend obsolet geworden ist. Das gilt aber nicht für alle Aspekte des Privaten: ich zeige auf, wo und wie Privatsphäre weiterlebt, sogar hier und da zu einem herrschaftsstützenden Problem wird.
(Siehe auch David Brin: Transparent Society, Christian Heller: Prima leben ohne Privatsphäre und Post-Privacy)

Auf einer höheren Ebene wirkt der Kontrollverlust als eine »Krise der Institutionen«. Statt eingeschalteter Mittelsmänner/Stationen, ermöglicht es die Query Leute, Medien und Interessen direkt miteinander zu verschalten. Durch die daraus sich ergebende zusätzliche gesellschaftliche Komplexität geraten Ordnungsprinzipien, formale Prozesse und damit auch Macht unter Druck und werden unterlaufen, sogar bekämpft. Das hat durchaus prositive, aber auch viele negative Folgen, vor allem aber zwingt es die Gesellschaft dazu, neue Kontrollmechnismen auszuprägen.
(Siehe Dirk Baecker: Die nächste Gesellschaft, Beniger: The Control Revolution und auch Weltkontrollverlust)

Eines der wichtigsten Ergebnisse der gerade stattfindenden »Control Revolution« (Beniger) ist meines Erachtens der Aufstieg der Plattformen. Plattformen schaffen es – auf transnationaler und vergleichsweise informeller Ebene – zunehmend die Infrastruktur bereitzustellen, auf der Gesellschaft stattfindet. In »Aufstieg der Plattformen« zeige ich, wie die gesunkenen Transaktionskosten für Kommunikation dazu führen, dass sich zentrale Anbieter zur Vernetzung durchsetzen und sogar so wichtige Institutionen wie das Eigentum nach und nach überformen. Alles wird zur Plattform und Plattformen werden zum zentralen Kontrollparadigma der nächsten Gesellschaft. Plattformen gehorchen aber auch eignen ökonomischen Dynamiken, die es zu verstehen gilt und neue Gefahren gebären. Vor allem profitiert der Zentralismus ausgerechnet von den gesellschaftlichen Kontrollbedürfnissen gegenüber Informationen, das gilt sowohl für Urheberrechte, als auch für den Datenschutz.
(Siehe mein Vortrag auf der Openmind 13- aber auch die Vorträge zum Ende des Eigentums)

In »Eine Utopie in Trümmern« analysiere ich die bisherigen Heils- und Untergangsversprechen über das Netz und deren Status-Quo nach Snowden. Die Enttäuschung hat meiner Ansicht nach eine zentrale Ursache: die Erwartungshaltungen gegenüber den neuen Technologien beschränkten sich wie üblich darauf, zu glauben, dass durch das Neue das Bestehende verbessert würde: So wie die Musikindustrie sich über die CD freute, freuten sich die Demokratiefreunde über die Vernetzungsleistung der Internets. Alle samt mussten aber feststellen, dass das Neue nicht kam, um zu verbessern, sondern alles grundlegend zu verändern. Es kann dabei durchaus sein, dass alles erstmal schlechter wird, wenn das Alte seine Macht verliert und verzweifelt verteidigt und es für das Neue noch keine Strukturen und Verarbeitungsroutinen gibt. Solange sich die Gesellschaft also nicht auf das neue Spiel eingestellt hat. Genau da stehen wir.
(Am ehesten scheint die Richtung bei der Antwort auf Sascha Lobo durch.)

Teil II

Im Kapitel »Neues Spiel, neues Glück« breche ich mit der negativen Stimmung vom Ende des letzten Kapitels. Ich zeige, wie all die besprochenen Effekte des Kontrollverlusts auch Schönheit, Emanzipation, Wissen, Solidarität, Freiheit und Problembewusstsein geschaffen haben. Wie sie neue Wege ermöglichen, gesellschaftliche Fragestellungen neu zu beantworten. Wie insbesondere im politischen Prozess bereits grundlegende Fortschritte gemacht wurden und welche Potentiale da noch bereitliegen. Ich bringe einige der Beispiele, die zeigen, wie mithilfe des Netzes – und des in ihm enthaltenen Kontrollverlusts – politischer Aktivismus aufblühte und emanzipative Anstöße gelangen.
Ich möchte aber auch zeigen, wie aus dieser erhöhten politischen Komplexität auch neue Problemfelder entstehen. Trolle, Maskulinisten und Nazis nutzen ebenfalls das Netz als Strukturverstärker und machen das Leben vieler zur Hölle. Gleichzeitig differenzieren sich auch politisch, emanzipative Positionen so weit aus, dass sie sich immer weiter segmentieren. Mit anderen Worten: die Komplexität steigt erheblich.
(Siehe meinen Vortrag auf der SigInt 13: Why We Fight (Each Other))

In »Umkehrung der Öffentlichkeit« zeige ich, wie die Ursache des Problems gestiegener Komplexität gleichzeitig deren Lösung ist. Im Zeitalter immer billiger werdender Speicher und immer mächtiger werdender Querys verändert sich unser Verhältnis und unser Anspruch an Öffentlichkeit. Eli Parisers Problematisierung der »Filterbubble« ist nichts anderes als die Beschreibung einer gesellschaftlich notwendigen Ausdifferenzierung mithilfe von technischen Mitteln. Wir können nicht mehr das ganze Bild im Blick haben, wir können nicht mehr jedem Diskurs folgen und jedem da draußen zur Antwort bereitstehen. Und wir müssen es auch nicht mehr. Mithilfe der Query wird Öffentlichkeit individualisiert. Das ist gut und notwendig um die gestiegenen Komplexität zu bewältigen, bereitet aber durchaus neue Probleme. Ich leite dennoch daraus ein unbedingtes Recht auf Filtersouveränität ab, das vor allem eine radikale Forerung an Informationsfreiheit beim Bereitsteller von Informationen vorsieht.
(siehe auch: Eli Pariser: Filterbubble und meine Ideen zur Filtersouveränität)

In »Überwachung und Privatsphäre« widme ich mich einer überkommenen Erzählung, nämlich, dass Überwachung und Privatsphäre miteinander verschränkte Antagonisten seien. Dem ist nicht so: Weder schafft es die Privatsphäre adäquat vor Überwachung zu schützen, noch zielt Überwachung nur auf die Privatsphäre ab. Der Kampf gegen Überwachung ist wichtig, darf sich aber nicht auf den untauglichen Versuch beschränken, die Privatsphäre wieder herstellen zu wollen. Überwachung muss dort angegriffen werden, wo ihre Auswirkungen die Menschen tatsächlich beschränken – im Privaten wie im Öffentlichen: beim Disziplinarregime. Am Ende ordne ich den Kampf gegen Überwachung ein, in den Kampf gegen überkommene Kontrollstrukturen des alten Spiels: die Disziplinargesellschaft geht dem Ende zu, Überwachung wie wir sie kennen, ist ein Auslaufmodell. (Achtung: das heißt nicht, dass sie verschwinden wird, sondern nur, dass sie eine immer unwichtigere Rolle im Machtgefüge spielen wird.)
(Siehe zum Beispiel Post-Privacy und Anti-Überwachung)

Im ersten Teil habe ich Plattformen als den Mittelpunkt der neuen Kontrollregime beschrieben. Auch sie müssen eingehegt werden durch politische Prozesse. Im Kapitel »Plattformneutralität« sollen Wege aufgezeigt werden, wie das gehen kann. Im ersten Schritt geht es um eine Ausweitung des Konzeptes der Netzneutralität auf die Plattformen. Das Ziel müssen meiner Meinung nach dezentralere, unkontrollierbarere Strukturen sein, die diskriminierungsfreien Zugang und Kommunikation für alle bedeuten. Dazu will ich ein paar konkrete Vorschläge machen. Im zweiten Schritt soll es darum gehen, Plattformneutralität als politisches Konzept auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen tragfähig zu machen. Insbesondere im Kampf gegen die Disziplinarregime, ist Plattformneutralität ein gutes Tool, um die Abhängigkeiten der Leute gegenüber Mächten aller Art zu verringern und so auch Überwachung zu bekämpfen.
(Siehe auch Plattformneutralität)

Das Neue Spiel ist in seinen Grundzügen nun genug skizziert, um daraus konkrete Regeln ableiten zu können. In »10 Regeln im neuen Spiel« schreibe ich also die grundlegendsten Regeln auf. Drei habe ich ja bereits in meinem Video genannt: 1. Man kann das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen. 2. Macht hat, wer die Plattform kontrolliert. 3. Wissen ist, die richtige Frage zu stellen. Weitere werden lauten: Informationskontrolle stärkt Zentralisierung, etc.
(Eine frühe Version findet sich bei den 10 Thesen zum neuen Spiel)

Ich möchte die Leute aber nicht nur mit abstrakten Spielregeln zurücklassen, sondern auch konkrete Ratschläge geben. Das tue ich in »Was tun als …?«. Dort übersetze ich die Regeln des neuen Spiels für verschiedene gesellschaftliche Bereiche, von der Wirtschaft, über den Aktivismus bis zum privaten Individuum. Ich erkläre, warum wir mithilfe der schwindenden Macht des Staates noch umbedingt grundlegende Richtungsänderungen einleiten müssen. Z.B. brauchen wir ein diskrimisuerungsfreies Gesundheitssystem, vollkommen trnasprarente politische Prozesse, ein grundlegendes Umdenken in Einreise und Zuwanderungspolitik, ein internationales Abrüstungsabkommen für Geheimdiente, etc. Auf aktivistischer Seite brauchen wir den Datascientist-Hacker, einen informierten Pragmatismus beim Einsatz von Social Media und Datentechnologie, und realistische Zielsetzungen. Das Individuum sollte sein Leben auf relative Autonomie zu ihn kontrollierenden Mächten auslegen, hat dazu aber auch neue Möglichkeiten. Die Gesellschaft sollte die Chance nutzen, dass diskriminierende Strukturen gegenüber den Bedürfnissen von Minderprivilegierten im neuen Spiel sichtbarer werden und sie aktiv bekämpfen.

In »Nach dem Kontrollverlust« gebe ich einen Ausblick auf die Gesellschaft der Zukunft. Eine Gesellschaft, die keine falschen Erwartungen mehr an die Kontrollmechanismen in der Gesellschaft stellt, sondern das neue Spiel spielt. Ich kann aber nicht sagen, dass es ein optimistischer Ausblick wird. Ich versuche, die neuen Chancen genau so wie die neuen Risiken zu adressieren. Zunächst, so befürchte ich, arbeiten wir uns durch eine Phase des digitalen Feudalismus. Noch sind die Plattformbetreiber die Großgrundbesitzer und wir ihre Kommunikationsleibeigenen. Ich glaube aber, dass die Entwicklung dort nicht stehen bleiben wird und wir im Jahr 2025 bereits eine ganz andere Welt bewohnen, die ich beschreiben will. Ich versuche mich da an einer Art Science-Fiction. Zum Schluss gebe ich einen Ausblick auf das, was ich mal »Gesellschaftliche Singularität« genannt habe. Das ist der Zustand, wenn die Gesellschaft auch auf individueller Ebene funktioniert, ohne, dass wir noch verstehen könnten, wie; wir aber dennoch genug Vertrauen in diese Prozesse haben, uns in sie fallen zu lassen.

* Natürlich kann sich da noch viel ändern, aber im groben sind das die geplanten Kapitel.

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November 28, 2013

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Aktuelle Probleme der Plattform- UND Netzneutralität

Der Begriff “Plattformneutralität” ist nicht neu und wurde auch nicht von mir erfunden. Es ist ursprünglich ein technischer Begriff, der besagt, dass zum Beispiel eine bestimmte Software oder ein Medienformat sowohl auf dem einen, als auch auf dem anderen Betriebssystem funktionieren. Dieses “Multihoming” wie man das auch nennt, ist mit der politischen Idee der Plattformneutralität, wie ich sie schließlich formuliert habe, durchaus konform, weshalb ich diese Referenz bewusst in Kauf genommen habe. Meine Idee von Plattformneutralität ist quasi eine politische Weiterfassung des Begriffs.

Der aktuelle Koalitionsvertrag bezieht sich auf Seite 134 eindeutig auf den politischen Plattformneutralitätsbegriff, weswegen ich die darin vorgeschlagenen Regelungen nicht unkommentiert lassen kann. Hier die betreffende Stelle:

Die Koalition will faire Wettbewerbschancen für alle Medienanbieter. Deshalb wollen wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen privatwirtschaftlicher Medienproduktion stärken. Sie setzt sich für das Prinzip der Plattformneutralität ein, d. h. bei Distributionsplattformen für Rundfunk und Telemedien insbesondere bei marktbeherrschenden Plattformbetreibern sind eine diskriminierungsfreie Informati- onsübermittlung und der neutrale Zugang zu Inhalten sicherzustellen. Private und öffentlich-rechtliche audiovisuelle Medienangebote und journalistisch-redaktionelle Inhalte, die einen Beitrag im Sinne des Public Value leisten, sollen einen diskriminierungsfreien Zugang zu Distributionswegen und eine herausgehobene Auffindbarkeit erhalten.

Marcel Weiss sieht darin den Versuch der Presseverlagslobby bei Google und Facebook etc. bessere Platzierungen in Suchergebnissen und mehr Sichtbarkeit im Nachrichtenstrom zu erzwingen. Ich finde, das gibt der Text so nicht her. Die Plattformneutralität wird hier mit den Worten “diskriminierungsfreie Informationsübermittlung und der neutrale Zugang zu Inhalten” durchaus in dem Sinne gebraucht, wie es gedacht war. Das einzige, was den gegenteiligen Eindruck erwecken kann, ist die “herausgehobene Auffindbarkeit“, die die journalistischen Inhalte erhalten sollen, was der kurz vorher genannten Diskriminierungsfreiheit allerdings diametral widerspricht. Die Formulierung kann im Zweifel für solche Zwecke missbraucht werden, aber der Text bezieht sich doch überwiegend auf die Diskriminierungsfreiheit als Prinzip, weswegen ich das erstmal als Unsauberkeit abtue.

Ich glaube nämlich, dass es um etwas anderes geht: Die Plattformneutralität soll als eine Art Addon des Leistungsschutzrechts implementiert werden, welches diesem erst Wirkung verleiht.

Was bisher geschah: Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ist da und es nützt den Verlagen bislang herzlich wenig. Google hat getan, was aus ihrer Sicht das einzig sinnvolle ist: sie haben alle Verlagsangebote aus dem Index geworfen und sie danach freiwillig wieder in-opten lassen. Was bei den Nutzern und ihrem Datenschutz funktioniert, funktioniert auch bei Presseverlagen und ihrem Leistungsschutzrecht. So weit, so ärgerlich für die Verlage.

Mit einer gesetzlichen Regelung zur Plattformneutralität – das heißt, der Sicherung eines “diskriminierungsfreien Zugang zu Distributionswegen” bei “marktbeherrschenden Plattformbetreibern” wäre das Spiel ein anderes. Der Gesetzgeber würde Google dazu zwingen, alle Presseerzeugnisse zu listen, egal ob diese Google dafür eine Rechnung schicken oder nicht. Ein solches Gesetz könnte Google und andere Plattformbetreiber dazu zwingen, kostenpflichtige Verträge mit den Verlagen einzugehen. Also genau das, was Döpfner und Keese sich immer erhofft hatten.

Jetzt habe ich ein Problem. Ich würde gerne behaupten, dass die große Koalition die Plattformneutralität nicht verstanden hat oder sinnentstellt implementieren will. Dann könnte ich hier den Beleidigten spielen und sagen, dass die alle zu doof sind für das Konzept. Aber das stimmt nicht. Wenn man von der Formulierung der “herausgehobenen Auffindbarkeit” mal absieht, klingt der Entwurf durchaus konform mit meiner Definition, die ich gerade erst in einem detaillierten Vortrag (Video, ziemlich weit am Ende) hergeleitet und ausgearbeitet habe:

1. Eine Plattform ist eine gesellschaftlich relevante, konsistente Infrastruktur, anhand derer kommunikative Handlungen vollzogen werden und sich Strukturbildungen vollziehen. *
            * (Strukturbildungen meint hier die Verstetigungen von sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, medialen oder technologischen Emergenzphänomen, die auf Grundlage der Plattform entstehen.)

2. Neutral ist eine Plattform, wenn sie es bewerkstelligt, alle zu einer gegebenen Zeit möglichen kommunikativen Handlungen zuzulassen und gleichartige kommunikative Handlungen gleich zu behandeln. **
             ** (Gleicher Art sind kommunikative Handlungen, wenn sie für den/die Endanwender*in den selben Zweck erfüllen.)

Im vorliegenden Entwurf geht es um die kommunikativen Handlungen der Presseverlage und die sind untereinander – gemessen an dem Nutzen des Endnutzers (und nur das zählt!) – tatsächlich gleich. In meiner Definition muss es egal sein, ob Sueddeutsche, Welt, taz oder dieses Blog: alle sollen diskriminierungsfrei bei Google und Facebook vorkommen und nach den selben Algorithmen gewichtet werden, denn sie alle dienen dem selben Zweck: der Nachrichtenversorgung/Unterhaltung/Bildung, etc.

Die Forderung aus dem Koalitionsvertrag kann man mit recht als “plattformneutral” bezeichnen. Und dennoch ist sie falsch. Das Problem ist nämlich, dass die Unwucht bereits im Leistungsschutzrecht liegt und mit der Plattformneutralität besiegelt werden soll. Das Presse-Leistungsschutzrecht ist ungerecht und alles andere als eine plattformneutrale Einrichtung. Unter normalen Marktverhältnissen aber ist diese Ungerechtigkeit egal, wie wir gesehen haben, weil Google seine Vertragsfreiheit dazu nutzt, einfach keine kostenpflichtigen Deals einzugehen, die Verlage aber von Googles Traffic abhängig sind. Mit einer gesetzlichen Plattformneutralität aber kann man das ungerechte Leistungsschutzrecht erst richtig durchsetzen, denn es gäbe (nach meiner Definition) kein Argument für Google, einzelne Medien zu diskriminieren. Ob sie wollen oder nicht: sie müssten die Deals mit den Verlagen eingehen, egal zu welchem Preis.

Abstrakt formuliert liegt das Problem hier: Dadurch, dass die Plattformneutralität strikt immer nur auf der ihr eigenen Ebene wirkt – hier: die Ebene der Distribution zum Endnutzer – ist sie unfähig Unwuchten, die sich aus anderen Ebenen ergeben – hier: Zahlungsforderungen beim Informationsproduzenten, legitimiert durch das Leistungsschutzrecht – auszugleichen, sondern setzt sie blind durch.

Nun würde ich mir durchaus den Schuh anziehen, diese strukturelle Schwäche und dieses Szenario nicht gesehen zu haben. Aber ich bin nicht allein. Ich habe das Konzept ja von der Netzneutralität geklaut, weswegen es durchaus sinnvoll ist, probehalber einen ähnlich gelagerten Fall zu eruieren:

Stellen wir uns vor, wir hätten gesetzlich geregelte Netzneutralität (Und alle so Yeah!) Alle Daten müssen von den ISPs neutral (im oben geschilderten Sinne) zu den Endkunden distribuiert werden. Nun kommt Google auf die Idee, dass seine Dienste und Daten ja wohl um einiges besser sind, als die der meisten anderen Anbieter und will nun Geld von den Carriern und Providern dafür verlangen.

Ich jedenfalls kenne keine Regelungen, die ihnen das verbieten würden. In der gegenwärtigen Situation allerdings würden die Provider Google den Vogel zeigen und es wahrscheinlich auf einen Machtkampf ankommen lassen. Mit einer gesetzlich verpflichtenden Netzneutralität hätten sie keine Chance sich zu wehren. Sie müssten Google die Daten zu jedem Preis abkaufen.

Liege ich damit richtig, oder habe ich was übersehen? Hat im Zuge der Netzneutralitätsdiskussion eigentlich schon mal jemand ein solches Szenario bedacht?

Ich bin etwas ratlos an dieser Stelle. Well trolled, kann ich da nur der großen Koalition und der Verlegerlobby zurufen. Dann müssen wir wohl noch mal ran, an das Reißbrett und zwar bei beidem: Netz- und Plattformneutralität.

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November 26, 2013

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Freiheit der pawlowschen Hündchen

Kai Biermann von ZeitOnline fragte vor einigen Tagen, warum “wir” uns überwachen lassen:

Er bekam viele Antworten, unter anderem auch

In der Debatte um Überwachung und Datenschutz findet sich dieses Mem immer wieder, beispielsweise in diesem Interview der Frankfurter Rundschau mit Juli Zeh, in dem es um Verhaltensänderungen durch Überwachung beim Menschen geht:

Selbst ein Hund, der beobachtet wird, holt sich nicht die Wurst vom Tisch, sondern erst ist in dem Moment, wo man ihn nicht anschaut.

Sicherlich lag es Frau Zeh fern, Menschen in ihrem Verhalten mit Hunden gleichzusetzen, umso ungünstiger ist jedoch ihr Beispiel gewählt. Juli Zeh und der oben genannte Tweet sind allerdings nur zwei kleine Beispiele für eine generelle Tendenz, das Verhalten von Menschen insbesondere im Internet und dort insbesondere bei der Nutzung von sozialen Medien, mit äußerst simplen Modellen zu beschreiben.

Was blutet bei solchen behavioristischen Betrachtungen für ein Menschenbild durch?

 

Der Mensch wird als Reflexagent betrachtet, der schlicht auf äußere Reize reagiert und trainiert wird. Als “Klickvieh”, dass eh jeden Knopf drückt, den man ihm vorlegt. Als unreflektierte Automaten ohne Agency, ohne eigene Handlungsmaximen und Ziele.

Diese Art der Kritik an menschlichem Handeln innerhalb sozialer Netze findet sich besonders gerne bei Vertretenden des Bildungsbürgertums: Entrüstet und bedauernd wird über das dumme Volk gesprochen, welches ja auch gar nicht weiß, was es tut. Wenn sie doch alle nur so gebildet wären wie wir(tm).

Vergessen wird an dieser Stelle gerne, dass die gesellschaftliche Situtation von Menschen, die eben nicht dem gut vernetzten Bildungsbürgertum mit allen seinen Wegen, die eigenen Positionen in die öffentliche Debatte einzubringen, angehören, ignoriert bzw. abwertet: Der Rückzug auf die Privatheits-/Informationskontroll-/Rückzugsmeme hat vor allem dann einen Mehrwert, wenn die Umsetzung der eigenen Ziele, die Organisation der eigenen Peer Group schon auf anderem Wege entsteht: Bei Vernisagen und Gesprächsabenden bei den Rotariern/Lions/$elitenclub zum Beispiel. Als schlecht vernetzter, beruflich nicht im Kontakt zu einflussreichen Menschen stehender Mensch ist ein aktives, offenes Nutzen sozialer Netzwerke bei allen Bedenken bzgl. Datenschutz und Kontrollverlust vielleicht trotzdem potentiell gewinnbringender für den eigenen Einfluss als die Isolation.

Das muss nicht in jedem Fall so sein und das Potential von Organisation und Einfluss entfaltet sich bei weitem nicht für alle, wahrscheinlich sogar nur eine Minderheit. Trotzdem ist die behavioristische Abwertung des Verhaltens vor allem Ausdruck der Distinktionsbestrebungen einer gebildeten, gut vernetzten Elite, die das Verhalten der “Unterschicht” (und dass es um diese Sichtweise geht sieht man nur zu oft, wenn die Vertreter dieser Denkrichtung, von Don Alphonso bis zu Fefe, ins polemisieren geraten und über “prekäre Berliner Lebensrealitäten witzeln).

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” sagt das Grundgesetz. Die behavioristische Abwertung anderer ist davon offensichtlich nicht mehr abgedeckt. Vielleicht schaffen wir es ja auch, Kritik an Überwachung oder Datenverarbeitung zu machen, ohne Menschen dabei abzuwerten?

P.S. zum Thema “Wer überwacht wird, ändert sein Verhalten” habe ich vor einigen Monaten eine Frage gestellt, auf deren Antwort ich noch harre.

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November 05, 2013

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Dichte in der Datenselbstwolke

Vor einigen Tagen schrieb ich über den Begriff der Datenselbstwolke. Kurz zusammengefasst: Die Datenselbstwolke ist ein Konzept, um unsere Repräsentation in der digitalen Sphäre zu beschreiben. Statt eines trennscharfen Körpers sind wir eine nach außen weniger dicht werdende Wolke aus Daten, die sich, je weniger dicht sie ist, immer mehr mit anderen Wolken überlappt. Solche Überlappungen sind Relationen zwischen Personen wie z.B. A und B sind befreundet und gehören offensichtlich nicht zu nur einer Person.

Wie ist die Dichte einer solchen Wolke definiert? Gliedern wir die Dichte in diskrete Schritte auf, die von “am dichtesten” bis hin zu “am wenigsten dicht” reichen. Alle Datenklassen, die ich hier beschreibe, gehören “irgendwie zu mir”, aber sie sind zunehmend “fremder” bzw. immer weniger “exklusiv”.

Die erste Ebene ist die der persönlichen Geheimnisse. Geheimnisse sind Informationen und Daten, die ich nicht mit anderen teile. Meine Passwörter, meine verschlüsselten Dateien mit TANs oder PINs oder geheimen Gedanken.

Die zweite Ebene ist die des geteilten persönlichen Geheimnisses. Vielleicht habe ich einem Freund Zugriff auf eigentlich geheime Daten gegeben oder Zugangscodes bei einem Anwalt hinterlegt. Das charakteristische Merkmal ist an dieser Stelle, dass Daten mit einem sehr eingeschränkten Kreis aus Menschen, denen der Geheimnisträger sehr stark vertraut, geteilt wurden unter der Prämisse, dass diese Daten nur in ganz bestimmten Fällen verwendet oder weitergegeben werden dürfen (Tod usw.).

Die dritte Ebene ist die der geteilten persönlichen Lebensrealität (der persönlichen Quasi-Öffentlichkeit). Hierbei geht es um Dinge des eigenen Lebens, die man mit einer recht großen Gruppe teilt, bei der man nicht mehr allen Mitgliedern absolut trauen kann. Ein großer Teil des typischen Datenstroms innerhalb von sozialen Netzwerken fällt in diese Kategorie. Die geteilten Daten betreffen nur das ursprünglich teilende Individuum, eine ernstzunehmende Kontrolle der Daten ist aber nicht mehr möglich: Genug Menschen haben Zugriff auf sie, können sie kopieren, screenshotten und weiterleiten.

Die vierte Ebende ist die der gemeinsamen Geheimnisse. Hier geht es um Informationen, die mehr als eine Person betreffen, die allerdings nicht per se in die Öffentlichkeit verbreitet werden. 3 Kids die nachts durch die Stadt ziehen und Häuser verschönern teilen solche Geheimnisse. Sie sind nicht auf eine Person reduzierbar sondern nur im Kontext aller denkbar.

Die fünfte Ebene ist die der geteilten Gruppenaktivitäten. An dieser Stelle betrachten wir die quasi-öffentlichen Handlungen von scharf oder auch lose abgegrenzten sozialen Systemen: Ein Verein, dessen Aktivitäten sichtbar sind usw.

Entlang dieser Skala lassen sich unterschiedliche Daten, zu denen eine Person assoziiert ist, bezüglich ihrer Exklusivität einordnen. Je weniger exklusiv, desto überlappender und desto weniger Anspruch auf eine Art von Kontrolle steht dem durchaus mitbetroffenen Individuum zu (ausgenommen natürlich Einzelfälle wie beispielsweise die Dokumentation von Gewalt oder Mobbing gegen eine Person, bei denen dem Opferschutz Priorität eingeräumt werden muss). So ergibt sich bei der Visualisierung eines komplexeren sozialen Systems nicht ein Netz sondern eher ein bunter Fleckenteppich von sich überlappenden Farbwolken, in deren Zentrum der vor allem Geheimnisgeprägte Nukleus der Einzelpersonen zu finden ist.

Wie wir nun mit den Daten der unterschiedlichen Daten umgehen wollen, ist die nächste Frage. So würde die erste Ebene beispielsweise gar nicht von Datenschutzgesetzen betroffen sein, alle anderen zu mindest partiell schon. Dabei wäre sicherlich auch spannend, wie groß der jeweilige Anteil der Datenklassen an der Datenselbstwolke des Individuums besitzt (meine These ist, dass die inneren Ringe eher klein sind).

Aber das sind Fragen für einen anderen Blogpost.

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October 16, 2013

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zkmb.de: Kontrollverlust und Kunst – Ein Werksbericht

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Im Laufe der Jahre, in der die Thesen zum Kontrollverlust die Runde machten, erreichten sie immer mal wieder auch die Kunst. Kunst – sofern sie es als ihre Aufgabe sieht, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren – arbeitet sich auch gerne an aktuellen Theorien ab. Und so wurde ich hier und da angesprochen, um mitzudenken, mitzuschreiben und mitzuarbeiten. Hier eine Art Werksbericht über diese Berührungspunkte:
******/

Herr KEINER leidet am KEINERSyndrom. Eines der vielen Symptome dieser Krankheit ist, dass Herr KEINER nicht mehr selbstständig entscheiden kann, was privat und was öffentlich ist. Seine Daten breiten sich unkontrolliert aus und haben das Haus befallen. Ich weiß, sie wollen sich das jetzt anschauen aber das ist nicht ganz ungefährlich. Das KEINERSyndrom ist hoch ansteckend! Zu ihrem Schutz und dem von Herrn KEINERs Privatsphäre wurde staatlicherseits ein Datenschützer – also ich – bereitgestellt. Ich darf Sie also darum bitten, meinen Anweisungen folge zu leisten, vor allem im Interesse von Herrn KEINER aber auch im Interesse der öffentlichen Ordnung.“

Abb. 2: Foto: Ingolf Keiner

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October 14, 2013

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Gefangene des Privacy-Narrativs

Vor einigen Tagen schrieb mspro (unter dem Decknamen Michael Seemann) für Zeitonline einen wirklich sehr lesenswerten Text: Unter dem Titel “Die Privatsphären-Falle” kommentierte er sehr pointiert, weshalb das “Privatsphäre als Wert an sich”, das zentrale Narrativ des Datenschutzes und seiner Vertretenden, nicht mehr verfängt. Anstatt jetzt einzelne Zitate aus dem Text zu pulen, bitte einfach den Text bei der Zeit Online lesen. Wir warten hier so lange…

… So. Ich stimme mspro völlig zu, was nur wenige in diesem Falle überraschen wird, mir geht seine Analyse allerdings nicht weit genug. Denn unser Problem ist weit größer als nur ein nicht mehr tragfähiges Narrativ gegen die Überwachung durch die Geheimdienste unterschiedlicher Staaten.

Wir sehen das an den typischen Reaktionen auf Texte wie den von mspro. Die Analyse als solche wird gar nicht angegriffen, sondern ein neuer Vorwurf konstruiert: Es würden ja auch keine Lösungen angeboten, für das Problem, dass plötzlich ein Wert wie Privatsphäre immer weiter geschleift wird.

Wo mspro von “Privatsphäre als Wert an sich” spricht, verkennt er die tieferliegende Problematik: Wir haben uns und unsere gesellschaftlichen Visionen völlig an diesen Wert gekettet.

Denn was passiert, wenn Privatsphäre ausgehöhlt wird? Fragen wir die Bürgerrechtsorganisationen, sind ohne Privatsphäre keine Freiheit denkbar, keine Würde, keine Mündigkeit. Machtverhältnisse sind nicht ausgleichbar und insgesamt sind wir alle royally fucked.

Wir haben uns einen theoretischen Single Point of Failure konstuiert, auf dem wir unsere Gesellschaftsentwürfe abzustützen versuchen. Und wo diese Basis nun ins Rutschen kommt, bricht Panik aus.

Leitmedium fasste das vor einigen Tagen schön zusammen

Doch die Skandalisierung einer jeden Handlung von Staat, von Google, von Facebook ist ja nicht aus Bosheit oder Manipulationswunsch entstanden: Den Bürgerrechtsorganisationen und -vertrenden gehts wirklich ans Eingemachte. Wenn Privatsphäre fällt, steht der Kaiser ohne Kleider, bzw. die Szene ohne Fundament da.

So erklärt sich auch der offensichtliche Disconnect der Bürgerrechtsorganisationen von den Bürgern und ihrem Verhalten. Wie mspro unter dem Stichwort “Privacy-Paradox” zusammenfasst:

Das Privacy-Paradox beschreibt die Beobachtung, dass in allen Umfragen und persönlichen Gesprächen der Schutz der Privatsphäre als extrem wichtig angegeben wird. Gleichzeitig aber führt das nur in seltensten Fällen dazu, dass Menschen auch nur das Geringste dafür tun.

Privatsphäre ist ein gelerntes Mem, etwas von dem alle “wissen”, dass es “wichtig” ist, genauso wie sie “wissen”, dass 753 Rom entstanden ist1 . Aber “wissen” ist nicht leben, “wissen” ist eben nur abstrakt im Kopf und hat nicht immer Bezug zu dem, was Menschen tun, wie sie handeln.

Dabei ist es ja nicht so, dass das Narrativ von der essentiellen Privatsphäre grundlegend falsch oder dumm ist. Die Überhöhung, die diese Idee insbesondere auch in der jungen Bundesrepublik hatte, ist Verständlich und unter dem Eindruck der Nazis und ihrer Aktivitäten auch nur konsequent: Der Staat ist Unterdrücker, Feind, Mörder und die Bürger müssen sich so weit zurückziehen, wie es irgend möglich ist. Datenverarbeitung ist irgendwie auch immer böse, denn die einzigen, die es tun sind entweder der Staat oder riesen Konzerne (deren Ziele auch nicht kongruent mit denen der Bürger sind).

Und hätte sich nichts verändert, so wäre das Narrativ “Privacy über alles” sicherlich weiterhin haltbar. Und dann kam das Internet.

Nicht so sehr als Technologie oder Gadget sondern als mächtiger Katalysator menschlicher Interaktion. In einer Welt, in der wir alle direkte Nutznießer breiter Datenverarbeitung sind, in der wir diese aktiv wollen um findbar, anknüpfbar zu werden, um unsere Wirkmacht zu vergrößern, uns organisieren zu können, ist die Idee sich in seine private Stube zurückzuziehen absurd.

Privatsphäre, Rückzug, Isolation und dann? Das Heilsversprechen des Privatsphärennarrativs hat sich unter den Eindrücken der kommunikativen Möglichkeiten eines anderen Lebensstils als eine schön verpackte Kiste ohne Inhalt herausgestellt.

Und an diesem Punkt entfaltet sich die destruktive Kraft des versagenden Narrativs: Plötzlich wissen viele nicht mehr, wohin. Denn die Behauptung, dass Menschen, die Privatsphäre nicht mehr als zentral sehen, auch keinen Wert auf Freiheit, Würde oder Mündigkeit legen, ist offentlichlich grober Unfug. Doch wie soll es denn weitergehen?

Und genau hier haben viele einflußreiche Gruppen seit Jahren die Arbeit ignoriert. Ökonomisch gesprochen haben sie sich ewig auf die theoretische “Cash Cow” Privacy verlassen und wo diese jetzt zusammenbricht fällt auf, dass es keinen Ersatz gibt. Privacy ist für die Bürgerrechtsbewegung, was Windows für die Firma Microsoft ist: Etwas mit dem man über Jahre hinweg den (Meinungs-)markt dominieren konnte, das aber von der Welt einfach überholt und abgehängt wurde.((Wie mspro auf Twitter korrekt anmerkte ist eigentlich Office die MS Cash Cow))

Die notwendige Neuausrichtung der Denkweise muss nicht nur in der Debatte um Geheimdienstaktivitäten stattfinden, sondern generell angegangen werden. Denn das alte Narrativ verfängt nicht mehr außerhalb eines theoretischen Elfenbeinturms.

Das breite Kontinuum von Positionen zwischen vollständiger Privacy und hundertprozentiger Offenheit muss neu ausgeleuchtet, neu erkundet werden. Und genau das ist, wofür der Begriff “Postprivacy” (für mich) steht: Die Aufgabe eines schlicht auf Privacy aufsetzenden Narrativs und die Neuausrichtung der Debatte. Für eine vernetzte Welt in der viele Werte neu definiert und gewichtet werden. Für eine Welt, in der Menschen vermehrt wieder politischen Einfluss nehmen wollen und sollen, in der “Staat” nicht der einzudämmende Feind2 sondern ein von uns allen gemeinschaftlich geformtes “Wir” ist.

Aber man kann natürlich auch einfach weiterhin hoffen, dass die Ansätze, die 1950 gut und richtig waren auch heute noch gut und richtig sind. Klingt nur nicht nach einem klugen Ansatz.

Ceterum censeo: Geheimdienste esse delendam.

  1. peinlicher Fehler meinerseits: Hier stand erst die Schlacht bei issos, die aber natürlich 333 war, danke an Silke
  2. eine unheilige intellektuelle Allianz der Bürgerrechtsbewegung und der libertär-konservativen Kräfte

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Zeit.de – Die Privatsphärenfalle

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Manchmal kommen die Erkenntnisse in der falschen Reihenfolge. In der SPEX hatte ich vor ein paar Wochen den alternativen Weg beim Kampf gegen Überwachung in der Post-Snowdenzeit aufgezeigt: Das neue Spiel. Aber erst jetzt – nach der Bundestagswahl – wird endgültig klar, warum der bisherige Diskurs über Überwachung in eine Sackgasse geführt hat. Darüber habe ich auf Zeit Online geschrieben.
*******/

Es muss als historischer Zufall gewertet werden, dass die diesjährige Bundestagswahl mitten in den größten Datenschutz-Skandal der Weltgeschichte fiel. Potenziell alle Internetdaten werden in Echtzeit gescannt, gespeichert und ausgewertet. Daten aus Social Networks werden in Massen weitergegeben, verschlüsselte Verbindungen werden geknackt oder umgangen. 2013 wird als das Jahr der Datenschmelze in die Geschichte eingehen.

Zur gleichen Zeit läuft die bundesrepublikanische Presselandschaft zur Höchstleistung auf. Sie setzt den Überwachungsskandal immer wieder ganz oben auf die Tagesordnung, berichtet scharf und detailliert, monatelang, in ungeahnter Qualität und kritischer Haltung.

Während all dem tut die Bundesregierung: nichts. Es gibt ein paar Appelle, ein Besuch des Innenministers in Amerika, ansonsten Rechtfertigungen, peinliche Ausrutscher, Beschwichtigungen und Lügen. Selbst Angela Merkel, sonst die ruhige Managerin im Hintergrund, kommt zum ersten Mal ins Schleudern. Und das mitten im Wahlkampf.

Das Ergebnis: Die Union erringt einen historischen Sieg. Alle Oppositionsparteien sind geschwächt, die FDP ist draußen, die Piraten, die als einzige den Überwachungsskandal in den Wahlkampfmittelpunkt stellen, erleben ein Desaster. Ein weiterer Wahlverlierer: die Netzszene und ihr Kampf gegen die Überwachung. Ihre Themen wurden über Nacht für politisch irrelevant erklärt.

[Weiterlesen >>>]
 

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September 19, 2013

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SPEX: Das neue Spiel: Prism vs. Kontrollverlust

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Der lange Artikel für die SPEX, in dem ich einerseits versuche die Snowdenenthüllungen im Kontext des Kontrollverlusts zu lesen und andererseits nach Wegen aus diesem Dilemma suche, ist nun erschienen.
***************/

Eigentlich sind die Enthüllungen von Edward Snowden alles andere als überraschend. Bei Anne Will sagte der Politikberater Andrew B. Denison es ganz unverblümt: Geheimdienste seien dafür da, die Gesetze anderer Staaten zu übertreten. Er hat damit nicht unrecht, so zynisch diese Einsicht auch klingen mag. Wir wussten immer, dass Geheimdienste Regierungen, Terroristen, Militärs bespitzeln, und wir machten uns keine Illusion darüber, ob sie sich dabei an die hiesigen Gesetze halten würden. Für diese Erkenntnis reicht auch rudimentäres James-Bond-Wissen. Was also ist das revolutionär Neue an den Snowden-Enthüllungen?

Es sind die Dimension der Überwachung und ihre Grenzenlosigkeit. Die NSA hört in Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst GCHQ nicht mehr nur terroristische, militärische oder gar politische Ziele ab, sondern uns alle, die Zivilgesellschaft. 500 Millionen Mal im Monat, alleine in Deutschland. Das ist nicht vergleichbar mit einer gezielten Abhöraktion, wie wir sie kennen. Dies betrifft alles und jeden und zwar nicht »aus Versehen«. Alles, was wir tun und sagen, wird beobachtet.

Und doch sind es nicht die Geheimdienste, die sich verändert haben. Es ist die Technologie. Geheimdienste sollen Informationen beschaffen. Das taten sie zu allen Zeiten, und schon immer tun sie es mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Diese Mittel waren vor 30 Jahren angezapfte Telefonleitungen und Tonbandgeräte. Heute sind es eben gesplicete Glasfaserkabel und Rechenzentren. Die Reichweite der Geheimdienste wuchs mit ihren Möglichkeiten. Die Echtzeitüberwachung eines Großteils der Weltbevölkerung ist zur überbordenden Realität geworden. Weil es geht.

[Weiterlesen auf SPEX.de >>>]

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September 02, 2013

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Weltkontrollverlust Visualisierung

Unter dem Label “Weltkontrollverlust” versuche ich die makrosoziologischen Effekte des Kontrollverlustes auf die Welt zu beschreiben. Aber alle Worte, die ich bislang fand, schaffen den Punkt nicht so gut herüber zu bringen, wie diese Infografik.

Gezeigt werden die letzten 250 Millionen weltweiten Proteste seit 1979. Die Punkte geben den Ort des Protestes an, deren Ausdehnung ihre Größe.

via

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August 15, 2013

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Death of the Super Hero

…Privacy-Man and Crypto-Girl are not wearing pants

The last weeks have been hard for the Internet. Not the network on a technical level but for the people it consists of, the so-called Layer 8, basically: Us.

When the news about the actual dimensions of the activities of different government agencies in the Internet hit us, many of us were left in a state of shock and awe, a state of pure and utter disbelief: The NSA (and it’s cousins from other countries) did all those things we never thought possible. The dystopia had become reality.

We know now that the NSA records basically everything, even – no, especially –  the pieces of data they cannot decrypt yet. “Yet” being the most relevant term here. Cryptography as we use it today is always a bet on the opponent not having huge amounts of processing power to solve difficult mathematical problems. But given what we know about how bad a lot of encryption is implemented and the amounts of resources and people government agencies can throw at the problem, many encryption algorithms and commonly used key sizes will soon be no more effective than some kids using secret ink to write their little notes to each other.

But the cries of the netizens were mostly left unheard or at least unacknowledged: The mainstream media reported it and basically moved on and when asking the people on the street, most don’t really care too much, either because they have more urgent matters to focus on (such as how to make rent while still being able to buy food for their kids and themselves) or because they just don’t believe that the activities of the NSA and similar agencies harm them. The majority of people are no terrorists and the promise of safety and security (as empty as it may actually be) carries a lot more value to them and their life than abstract concepts like surveillance.

In one aspect the mainstream and some Internet activists are in line though: Both always knew that the intelligence apparatus could listen in. Emails have always been more postcards than actual letters with envelopes and the so-called metadata1 would still stay visible even if the email itself was encrypted.

We have always known that it sounded wrong that – while every DRM-type encryption on movies, video games or music was broken in days if not hours – the data we put out there could easily be defended through certain simple to use crypto tools. But we always had a fallback that made it all OK, we had our super heroes.

Super Heroes are not a new thing, they predate movies and comic books and all those things we might nowadays associate with them: Hercules? Super Hero. Siegfried of Xanten? Super Hero. Joan of Arc? Super Hero. Our ancient (and less ancient) myths are full of those larger than life characters that could tilt the earth just enough to make things OK again (though admittedly many of them had their fair share of tragedy and defeat as well).

In the Internet narrative, the role of the Super Hero was filled by hackers. Hercules, Siegfried and Joan were now called Mitnick, Applebaum or Assange but they filled the same role: To make things OK again. In a digital world full of problems that changed our perception of privacy, secrecy and transparency we rested the responsibility to push back against the “evil” on their shoulders. A responsibility many hackers just too gladly took.

In the hacker narrative, the governments and companies were mostly movie plot villians: Often slightly clueless, twisting their moustaches while explaining their evil schemes to the protagonist who then pulled out his or her secret weapon from his or her tool belt and defeated the enemy. The end.

Our media mirrored that narrative closely: Movies like The Matrix and many others have pictured the hacker as the high priest of the digital age, the battle mage making the impossible possible with a few keystrokes and sometimes a little soldering. Amongst the most successful TV shows these days are a big number of CSI like shows that recreate basically the same mythos of the wizard with a keyboard who can zoom into any grainy picture 10 times to uncover the truth and who traces IP packets all over the planet from a fancy looking graphical tool.

And whenever the weight of the world, the truth of our digital communication and possibilities of the intelligence apparatus came up, we turned to the hackers and we begged: “Save us!” And they answered.

We got Tor, we got more encryption algorithms and tools than we could count. Harddisk encryption reached mainstream audience, OTR was built into many Instant messenger clients and worked transparently and mostly simple to use. The hacker’s magic bag of tricks seemed to be able to create tricks, hacks, workarounds and security layers faster than any company or government could churn out threats.2

And that is why this scandal has hit us, the Layer 8, the people who actually live on the Internet and not just see it as a glorified teleshopping channel, so hard: We lost our super heroes. We looked and realized that Privacy-Man and Crypto-Girl are not wearing pants, that their tool belts seem to be empty.

We see CryptoParties popping up all over the place in a last ditch effort to save the old narrative, believing that we can get the Genie back into the bottle by explaining how people can pull themselves, their opinions and goals out of the spotlight. By creating a new age of secrecy and disconnectedness that would keep the intelligence out of our lives.3

But only communicating in the dark, hiding one’s opinions and connections will not help our democracies. Because a strong democracy is based on communication on networking, on the constant exchange and discussion of controversial ideas. What is often called “digital self-defense” will in the long run not save democracy but just help a different system of oppression to take its place – it is in fact just running away from the problem.

What can we do?

Get over our self-constructed myth of Super Heroes and back to work. I do agree with Jeff Jarvis in arguing that companies should do more to fight for their users. it is in their interest because in the end the scandal falls down on their feet: Google, Facebook and all those companies might just be following the laws when they give the NSA and other agencies access to their user’s data but still get all the flak for it happening. But more importantly, we need to start changing our perception on intelligence agencies and our laws.

Intelligence agencies spying on other countries and their citizens can, in this digital world, only be compared to using weapons to attack the other country. Our globalized world gets smaller every day with people’s social connections increasingly neglecting to care about national borders. We can no longer accept to have publicly funded agencies playing the secret aggressor against the world.

We need global treaties on intelligence disarmament, we need to change our local laws to no longer accept spying on people by a government agency just cause those people have the wrong passport. The equation is simple: If your agency spies on my and mine spies on you and they collaborate, they spy on everyone. If we don’t want that to happen (and I refuse to believe that we do) we need to get rid of the old school cold war type intelligence agencies that are build on a foundation of xenophobia and hate. We are better than that.

The old narrative of Super Heroes protecting us against evil have always kept “the evil alive”, have stopped us from dismantling it. We didn’t care to get rid of our intelligence agencies because we didn’t need to care about them. They were stupid and we had hackers and their tools. From that perspective maybe this collapse of our narrative is a good thing, helps us to shift our focus from implementing tools helping a small elite to circumvent certain threats to starting a political campaign to fix the actual issues. I hope we will.

Ceterum Censeo intelligence apparatus esse delendam. 

  1. that means the data describing certain properties of the actual data such as for example the target email address in an email message or the date it was sent at
  2. and the government and companies were kind of stupid anyways, right?
  3.  CryptoParties do obviously have their place and helping more people understand how to encrypt their laptops and how to choose better passwords is a great project that I fully support

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